Fachbeiträge

Ausgabe 7 / /2004
Fachbeitrag Grundlagen & Theorien

Die Produktivität von Wissensarbeit steigern – aber wie?

von Marc S. Tenbieg

In unserem heutigen Wirtschaftsdenken ist der effektive Umgang mit der Ressource Wissen zu einer der wichtigsten Managementaufgaben geworden. Denn das in einem Unternehmen vorhandene Wissen kann in hohem Maße dazu beitragen, Produkte und Dienstleistungen aufzuwerten und damit einen höheren Unternehmenswert bzw. eine größere Wertschöpfung zu schaffen. Als Konsequenz daraus hat sich mittlerweile der Begriff der Wissensproduktivität im Management etabliert. Aber wie lässt sich diese steigern? Marc S. Tenbieg skizziert drei Dimensionen, in denen ein Unternehmen die geeigneten Rahmenbedingungen schaffen sollte.

Inhaltsübersicht:

 

 

 

In unserem heutigen Wirtschaftsdenken ist der effektive Umgang mit der Ressource

Wissen zu einer der wichtigsten Managementaufgaben geworden. Denn das in einem

Unternehmen vorhandene Wissen kann in hohem Maße dazu beitragen, Produkte

und Dienstleistungen aufzuwerten und damit einen höheren Unternehmenswert

bzw. eine größere Wertschöpfung zu schaffen. Als Konsequenz

daraus hat sich mittlerweile der Begriff der Wissensproduktivität im Management

etabliert.

 

Vom Taylorismus zur New Economy

 

Der mit Abstand einflussreichste Vordenker auf dem Gebiet der Produktivitätsverbesserung

war Frederick W. Taylor, der im Rahmen seines Scientific Managements nach der

effektivsten Methode suchte, um die Produktivität von Arbeitsabläufen

zu steigern. Als Reaktion auf den Taylorismus folgte die Theorie der Human Relations,

mit der die Bedeutung der Humanfaktoren zur Erhöhung der Unternehmensproduktivität

unterstrichen wurde. Unter der Führung von George Elton Mayo wurden zudem

auch noch Sozialfaktoren, wie z.B. die Moral und das Gruppengefühl, als

wichtige Faktoren zur Beeinflussung der Produktivität identifiziert.

 

 

 

Mit dem Aufkommen der Computertechnologie in den 70er Jahren wuchs das Vertrauen

in die bislang stetig zunehmende Unternehmensproduktivität. Dienten Computer

nicht schließlich von Beginn an dazu, die Produktivität zu erhöhen?

Doch im Jahr 1987 stellte Robert Solow fest: „You see the computer age

everywhere, except in the productivity statistics“. In den darauffolgenden

Jahren wurde dieser paradoxe Zustand wegdiskutiert mit der Argumentation, dass

die Produktivität zwar gestiegen sei, diese Steigerungen aber aufgrund

von Messfehlern in den Statistiken nicht ausgewiesen worden seien. Eine der

Annahmen der so genannten New Economy war, dass Computer auch weiterhin maßgeblich

zu einer stetigen Verbesserung der Produktivität beitragen würden.

Und die Revolution der Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglichte

es durch die Kombination von Automatisierung (Computer und Software), Kommunikationsmitteln

(Satelliten, Glasfaser, Internet) und dem Wissen über Informationen, dass

die Produktivität tatsächlich schneller anstieg als die Lohnkosten

pro Produkteinheit.

 

 

Bei den einst vorherrschenden linearen Produktionsprozessen, in denen die Unterschiede

zwischen Input und Output für jeden Einzelnen klar erkennbar waren, war

es noch relativ einfach, die jeweilige Prozessproduktivität zu messen.

Mit dem stetig zunehmenden Anteil wissensgetriebener Produktionsprozesse ist

dieser Nachweis jedoch weit schwieriger geworden. In diesem Zusammenhang muss

man bedenken, dass hier der Faktor Qualität der erbrachten Leistung nur

vordergründig zu betrachten und zu messen ist. Klassische Messverfahren

stoßen dabei an ihre Grenzen.

 

 

Die Produktivität von Wissensarbeit

 

Es war Peter F. Drucker, der die Produktivität auf Basis von Wissen zum

zentralen Managementthema machte [1]. Analog zur 50-prozentigen Erhöhung

der Produktivität im industriellen Zeitalter sieht er eine verbesserte

Produktivität der heutigen Wissensarbeiter als die größte Managementherausforderung

des 21. Jahrhunderts an.

 

 

Aber wie geschieht die konkrete Umsetzung in einem solchen immateriellen, schwer

durchschaubaren und variablen wissensbasierten Produktionsprozess? Dazu sollen

nachfolgend die verschiedenen Ausprägungen der Wissensproduktivität

näher betrachtet werden:

 

  • zielgerichtetes Handeln
  • organisiertes Lernen
  • Kombination von Expertisen

Zielgerichtetes Handeln

 

Zielgerichtetes Handeln in einem Unternehmen ist gekennzeichnet durch das Verhältnis

von Zielsetzung (Was will man erreichen?) und Effektivität (Wie schnell

und mit welchem Aufwand erreicht man das Ziel?). Misst man den Grad und die

Qualität der Zielerreichung sowie die Zeit und Energie, mit der das Ziel

erreicht wurde, kann daraus die Produktivität abgeleitet werden.

 

 

In der heutigen Wissensgesellschaft sind wir jedoch einer immerwährenden

Informationsflut ausgesetzt. Darüber hinaus haben Wissensarbeiter die Angewohnheit,

sich immer wieder zu fragen: „Was weiß ich? Was habe ich gelernt?

Wie kann ich meine Kenntnisse zur optimalen Lösung des Problems einsetzen?“.

Um zu verhindern, dass zu viel Zeit und Energie zum Aneignen von Wissen verbraucht

wird, das später sowieso nicht zielorientiert genutzt werden kann, muss

nach Drucker ein Prozess etabliert werden, der Wissen in Ergebnisse umwandelt.

Nur so kann Wissen im Unternehmen auch zur Produktivität beitragen.

 

 

 

Als Ergänzung hierzu verfeinert Mathieu Weggemann den Begriff des zielgerichteten

Handelns um die Komponente der strategischen Wissensgebiete, auch Kernkompetenzen

genannt [2]. Und Harm H. Tillema weist auf die Notwendigkeit hin, eine Verbindung

zwischen der individuellen Kompetenz eines Wissensarbeiters zu der jeweiligen

Unternehmensstrategie herzustellen [3]. Wissensproduktivität ist somit

keine Frage der Genialität, sondern eine Frage der Organisation. Die Verantwortung

hierfür liegt in erster Linie beim Management.

 

Organisiertes Lernen

 

Zweite zentrale Erfolgskomponente sind die Themen Lernen und Lernfähigkeit.

Ausgehend von der Annahme, dass der Faktor Lernen in einem Produktionsprozess

Wissen erzeugt, ist die Produktivität auch abhängig von der Lernfähigkeit

einer Organisation.

 

 

Einer der wichtigsten Verfechter dieser Theorie ist Joseph Kessels [4]. Er

hat das Lernen aus einer ökonomischen Perspektive betrachtet. In der Wissensgesellschaft

und -ökonomie liegt seiner Auffassung nach die zentrale Aufgabe eines Unternehmens

darin, Produkte und Leistungen mit Wissen aufzuwerten. Unternehmen, die ihre

Lernprozesse nicht organisieren können, verspielen somit ihren wirtschaftlichen

Erfolg. Das Lernen und die Lernfähigkeit einer Organisation tragen laut

Kessels maßgeblich dazu bei, die Wissensproduktivität zu steigern.

 

 

 

Auch Tillema unterstützt diesen Ansatz und betont, dass Wissensproduktivität

das Produkt ist aus der Lernfähigkeit eines jeden einzelnen Wissensarbeiters

und der Fähigkeit des Unternehmens, Lernprozesse zu organisieren und geeignete

Lernumgebungen zu schaffen [3]. Hieraus entstand auch der Lösungsansatz,

für die Wissensarbeiter kollaborative Infrastrukturen zum Austausch von

Wissen und zur Kommunikation zu schaffen. Ziel ist es, Wissen lösungsorientiert

zu vertiefen und zu verbreiten.

 

 

Im Gegensatz zu den strategischen Wissenszielen eines Unternehmens liegt die

Lernverantwortung bei jedem einzelnen Wissensarbeiter. Das setzt voraus, dass

Wissensarbeiter auch über entsprechende Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten

im Unternehmen verfügen. In diesem Zusammenhang müssen Lernumgebungen

auch als Wissensnetzwerke verstanden und aufgebaut werden, in denen jeder Wissensarbeiter

seinen individuellen Weg gehen kann.

 

Kombination von Expertisen

 

 

Die dritte Erfolgskomponente besteht in der Fähigkeit eines Unternehmens,

die vorhandene Expertise seiner Wissensarbeiter mit der Expertise anderer zu

kombinieren – unternehmensweit oder sogar unternehmensübergreifend

(Kunden, Lieferanten, Partner). Voraussetzung dafür sind eine etablierte,

wissensfreundliche Unternehmenskultur sowie ein Prozessdenken in Kompetenzdimensionen.

Wissensproduktivität ist somit auch das Resultat aus dem Zusammentreffen

individueller Lernstile. Rationale und emotionale, geordnete und chaotische,

analytische und kreative, planmäßige und intuitive Lernstile und

Denkmuster wirken sich gleichermaßen auf die Wissensproduktivität

aus.

 

 

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