Fachbeiträge

Ausgabe 1 / 2020
FachbeitragLeadership 2.0

Weg mit der Hierarchie? Wann sich Agilität tatsächlich lohnt …

von Matthias Kolbusa

In der Rasanz der neuen technischen Möglichkeiten, die Unternehmen heute haben, droht das Traditionelle im Lärm des digitalen Überschalls einfach unterzugehen - obwohl es keinesfalls altmodisch, sondern zeitlos ist. Eine fundamentale Tatsache wird dabei übersehen oder im Eifer für das Neue ignoriert: Digitale Technik, innovative Tools und agile Methoden machen es Menschen leichter, sie selbst aber nicht besser.

Inhaltsübersicht:

Wenn Autos immer schneller fahren, beschleunigt das nicht nur die produktive Mobilität, sondern verursacht auch mehr Unfälle. Wer unreif und ungestüm fährt, wird durch mehr PS und km/h nicht verantwortungsvoller, sondern gefährlicher - eine bekannte Tastsache, die leider auf die meisten Unternehmenstransformationen nicht übertragen wird.

Passend dazu steht bei fast jeder Reorganisation das Thema Hierarchielosigkeit irgendwo zwischen unreflektiert und kritiklos mit auf der Agenda. Es klingt ja auch verlockend: Man eliminiert ein, zwei teure Führungsebenen - und die Mitarbeiter werden sogar besser, weil sie erst in voller Selbstverantwortung und Selbstorganisation ihr wahres Potenzial entfalten.

Das Chaos besiegt die Ordnung – wenn man es lässt

Eine schonungslose Analyse in Unternehmen hingegen offenbart, dass es so einfach doch nicht ist mit immer mehr Netzwerk, mehr Schwarm und fluiden Strukturen. Im Bemühen, Schnittstellen, Abstimmungsaufwände, Eskalationen, Silodenken und Friktionsverluste zu reduzieren, macht man die Bockigen zum Gärtner. Weil das Chaos auf Dauer immer über die Ordnung siegt, drückt man unreifen Mitarbeitern das Werkzeug in die Hand, mit dem sie die Organisation in den Würgegriff nehmen.

Flache Hierarchien und Agilität bis zur Befreiung von jeglicher Befehlskette können nur funktionieren, wenn alle Mitarbeiter sich beständig mündig und reif im Sinne der Organisation verhielten. Reif in diesem Kontext hieße, auch über äußere und innere Widerstände hinweg die Konsequenz und den Mut zu besitzen, stets das Richtige zu tun. Das Richtige ist, mit allem, was man sagt oder tut, mehr Menschen zu nutzen als zu schaden. Ließe sich diese Reife zweifelsfrei voraussetzen, wären Vorgesetzten, Regeln und Vorschriften in der Tat überflüssig. Es bräuchte maximal ein paar gut durchdachte Prozesse, damit die Dinge einfach wie geschmiert laufen.

Politisch korrekt ist sachlich oft falsch

Eine schöne Volksweisheit sagt: "Wohin du auch gehst, du nimmst dich selbst immer mit." Und ebenso wie ein Trip nach Brasilien den Reisenden nur selten zum besseren Menschen macht, verhält es sich auch mit der Hierarchieverminderung. Das, was Menschen ohnehin schon zu unvollkommenen Wesen macht, bricht sich in einem kontrollfreien Raum erst recht die Bahn.

Der politisch korrekte Einwand gegen eine solch negatives Menschenbild wird leider durch viele Praxiserfahrungen widerlegt, in denen sich die niederen Bedürfnisse der Menschen und ihr Hang zu konservativer Bequemlichkeit spiegeln.

Niedere Motive. Ursache eins der Unreife

Gier, Machtbedürfnis, Neid, Verzweiflung, Niedertracht oder Minderwertigkeit stellen nur einen Auszug aus dem Katalog der dunklen Seite der Macht dar. Man verteidigt sein Budget, das man nicht braucht, weil man es einem anderen Bereich nicht gönnt. Das Marketing macht einen Fehler in der Produktdarstellung und schiebt es dem Vertrieb als Unfähigkeit des Verkäufers in die Schuhe. Man lässt ein langweiliges Projekt im Regen stehen, das keine Profilierung verspricht, obwohl es für die Standardprozesse eine starke Verbesserung bedeutet hätte.

Bequemlichkeit. Ursache zwei der Unreife

Bequemlichkeit hingegen, meint nicht unbedingt Faulheit, weil auch bequeme Menschen in der Mehrheit sogar fleißig sind. Sie geraten nur nicht in dringend nötige Bewegung, wenn es emotional und mit Blick auf ihre Routinen anstrengend werden könnte. Ob es darum geht, einem Chef auf dem Holzweg engagiert, aber sachlich Paroli zu bieten, bei Veränderungen der Arbeitsorganisation zu den Vorreitern zu gehören oder sich vehement für einen gemobbten Kollegen einzusetzen - allzu menschlich gibt man sich der Neigung hin, Schwierigkeiten konsequent aus dem Weg zu gehen, weil man sich nicht quälen möchte?

Dabei sind es oft die unpopulären und anstrengenden Dinge, die den Dampfer viele Knoten schneller laufen lassen. Der Umsatz explodiert nämlich nicht, wenn man immer nur die Standardkunden anruft, die stabile Kleinumsätze machen. Man muss sich auch mal kalt akquirierend in die Höhle der großen Löwen wagen.

Mehr Reife. Der menschliche Faktor beginnt in jedem selbst

Bevor man sich also ans Abenteuer Hierarchielosigkeit wagt, sollte man für die Entwicklung der Menschen sorgen, die in ihr erfolgreicher sein sollen als zuvor. Drückt man sich darum (was ein Beispiel für die eigene Bequemlichkeit ist) tanzen die Mäuse auf dem Tisch sobald die Katze aus dem Haus geworfen wurde.

Ja. Das kostet Kraft. Und ja, das kann wehtun, aber es lohnt sich wirklich. Jedes Unternehmen muss mathematisch exakt so viel Organisation aufbringen, wie es Unreife zu kompensieren hat. Die Beratungserfahrungen in Unternehmen jeglicher Größe erzählen jeden Tag davon, dass es in den meisten ohne Hierarchie noch eine ganze Weile nicht geht. Dennoch geht es viel flacher und einfacher als gedacht, wenn man die Potenzialträger im Unternehmen identifiziert, die bereits die nötige Reife besitzen. Mit ihrer Unterstützung und an ihrem Vorbild können alle anderen wachsen - mit Ausnahme der Narzissten, Profilneurotiker und Zukunftsverweigerer, von denen man sich aus Hygienegründen schnellstens trennen sollte.

Wer also eine effektivere und flachere Organisation anstrebt, muss an der Wurzel anpacken und gezielt an der eigenen Reife arbeiten. Wer meint, nur durch eine neue Organisation mehr Produktivität zu schaffen, arbeitet am Symptom, am Effekt und wird enttäuscht werden. Denn Menschen werden durch Agilität nicht besser, Agilität wird besser durch die Menschen.

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 Ariston Verlag, 2017. ISBN Hardcover 978-3-424-20137-6

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