Fachbeiträge

Ausgabe 12 / 2009
FachbeitragIT-Tools

DITA - das Baukastenprinzip für Handbücher, Onlinehilfen & Co.

von Prof. Sissi Closs

Chunking, Topics, Spezialisierung – auf der 5. DITA Europe Conference am 16. und 17. November in München drehte sich alles um die neuen Entwicklungen und Anwendungsmöglichkeiten der Informationsarchitektur DITA. Das Open-Source-Projekt hat sich in den vergangenen Jahren international zu einem neuen Standard in der Dokumentationswelt entwickelt und wird heute unter anderem von Adobe, Boing, IBM und Nokia genutzt. Professorin Sissi Closs, die deutsche Koryphäe auf dem Gebiet DITA, erklärt, woher das wachsende Interesse an dem viel versprechenden Dokumentationskonzept kommt.

Das Kürzel DITA steht für „Darwin Information Typing Architecture“ und bezeichnet eine Technik zur Informationsstrukturierung. Das Konzept basiert auf XML und hilft dabei, Inhalte etwa für ein Handbuch oder eine Hilfe so anzulegen, zu verknüpfen und aufzubereiten, dass auch umfangreiche Dokumente sinnvoll organisiert sind und dennoch möglichst wenige Ressourcen beanspruchen. Entwickelt wurde DITA in den 1990ern von IBM, 2005 hat die Organization for the Advancement of Structured Information Standards (OASIS) diese freie Architektur als Standard verabschiedet. DITA wird heute weltweit zum Erstellen von Dokumentation eingesetzt, zum Beispiel für Handbücher, Onlinehilfen, Schulungsunterlagen oder Glossare.

wm: Dokumentationslösungen gibt es bereits einige, welche Besonderheit steckt hinter der Informationsarchitektur DITA?

Sissi Closs: Eine wichtige Komponente ist die Einteilung in Topics. Gewöhnlich werden Informationen hierarchisch dokumentiert. A folgt B folgt C. Es mangelt an der Flexibilität, den Inhalt vom Kontext zu lösen und anderweitig zu verwenden, etwa wenn B noch in anderen Zusammenhängen eine Rolle spielt oder es zu A noch weitere Folgeinformationen gibt. Zusätzlich besteht bei DITA die Möglichkeit, durch Spezialisierungsregeln Strukturen und Typisierungen auf Basis vordefinierter Grundtypen zu erweitern. Sie erben die Definitionen ihres Ursprungs, die dann bei Bedarf angepasst werden können, daher der Name „Darwin“.

 

wm: Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang genau unter einem Topic? Oder anders gefragt: Wie viel Information steckt in einem Topic?

Sissi Closs: Ein Topic ist die kleinste sinnvolle Informationseinheit. Wichtig ist, dass in einem Topic nicht mehrere Themen vermischt werden. Nur so können Bausteine entstehen, die sich flexibel mit anderen zu größeren Informationskomplexen verbinden lassen. Vorgabe bei der Topic-Erstellung ist die Wiederverwendbarkeit. Jedes Topic muss so neutral und kontextunabhängig sein, dass es mit anderen kombiniert werden kann, und sollte gleichzeitig eine komplette, in sich geschlossene Information enthalten. Die Idee ist bekannt aus der Welt der Online-Hilfen. Ein Beispiel wäre eine Begriffserklärung: Ist sie als eigenständiges Topic organisiert, kann sie an jeder Stelle, an der der Begriff auftaucht, verwendet werden. Wäre sie dagegen mit ihrer Umgebung verstrickt, würde sich an anderer Stelle der Zusammenhang nicht erschließen. Grundgedanke dabei ist das Single-Sourcing, was bedeutet, dass eine Information in der Quelle nur einmal vorliegt und alle Verwendungen darauf zurückgreifen.

 

wm: Und wie lassen sich diese ganzen Topics organisieren?

Sissi Closs: Dazu wird eine Typisierung benutzt, das heißt der Inhalt wird nach bestimmten Kriterien in Kategorien eingeteilt, etwa „Erklärung“ oder „Anleitung“. Die Grundtypen, die sich für DITA entwickelt haben, sind „Concept“, „Reference“ und „Task“. Das Finden der geeigneten Informationstypen ist nicht einfach, eine Möglichkeit ist mein seit über zehn Jahren bewährtes Klassenkonzept, mit dem systematisch ein Konzeptrahmen erstellt werden kann. Der Vorteil der Typisierung ist, dass nicht für jedes einzelne Topic, sondern nur für jeden Typ ein Konzept erarbeitet werden muss, das dann auf alle entsprechenden Topics angewendet wird. Die Erstellung wird dadurch sehr stringent organisiert und der Nutzer findet sich dank der Konsistenz der Aufbereitung leichter zurecht.

 

wm: Welche anderen Vorteile haben die Anwender durch DITA?

Sissi Closs: Zunächst ist zu sagen, dass DITA eine Investitionssicherheit und Kostenersparnis mit sich bringt, da es sich um Open-Source-Technik handelt. Zudem verkürzt das Konzept die oft langfristige Strukturfindungsphase für Technische Redakteure, indem es einen umfassenden Rahmen absteckt. Vorteile ergeben sich auch aus dem Wachstum der DITA-Nutzer-Gemeinde in den vergangenen Jahren. Durch den breiten Einsatz derselben Basisarchitektur entwickelt sich inzwischen ein Strukturierungs-Know-how, aus dem neue Standards entstehen können – nicht nur für die Inhalte auf unterster Ebene, sondern auch für die daraus zusammengestellten Gebilde, wie zum Beispiel unterschiedliche Handbuchtypen oder Onlinehilfen. Deren breiter Einsatz wiederum wird Austauschbarkeit und Automatisierung in ganz anderen Dimensionen als heute möglich machen. Zudem würde Technischen Redakteuren viel Zeit und Arbeit erspart, die sie Gewinn bringender in die Inhalte investieren könnten.

 

wm: Zu guter Letzt – wie fängt man am besten mit DITA an?

Sissi Closs: Es gibt ein DITA Open Toolkit als Open-Source-Paket, das auch eine Reihe von Transformationen und Skripts enthält, um aus DITA-getaggten Inhalten verschiedene Ausgaben zu produzieren. Dazu zählen HTML, PDF oder JavaHelp. Zusätzlich existieren bereits fertige getaggte Beispieldateien, um die Transformationen auszuprobieren. Softwarehersteller, die den neuen Standard schon unterstützen und entsprechende Konfigurationen für ihre Werkzeuge anbieten, sind unter anderem ASC (Author-it), Adobe (FrameMaker), MadCap (Flare) oder Siberlogic (Sibersafe). Individuelle Beratung und Schulungen zu diesem Thema sind auf jeden Fall empfehlenswert.

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