2024/1 | Titelthema | Knowledge Sharing

Wissenstransfer – jetzt!

von Nicole Lehnert

Was haben der "Friends"-Star Courteney Cox, das Model Elle Macpherson, die Schauspieler Sandra Bullock, Nicolas Cage, Russel Crow und Keanu Reaves sowie Sänger Lenny Kravitz und die frühere First Lady Michelle Obama gemeinsam? Sie sind allesamt prominente Vertreter der Generation der Babyboomer. Und noch mehr: Sie sind alle im Jahr 1964 geboren - ein Jahr, das hierzulande geradezu als historisch gilt. Es ist nämlich das kinderreichste Jahr Deutschlands. In beiden Teilen der Republik wurden damals laut statistischem Bundesamt knapp 1,4 Millionen Babys geboren. Zum Vergleich: 2023 lag der Wert mit lediglich 519.000 Geburten bei weniger als der Hälfte.


Bildquelle: (C) Gerd Altmann / Pixabay

1964 geboren - schon bald in Rente?

Naja, das ist ja auch schon lange her, wird jetzt der ein oder andere denken. Aber die 1964er Generation ist derzeit noch genauso präsent wie vor zehn oder 20 Jahren. Auch und gerade hierzulande: Der Schauspieler Jan Josef Liefers, Juror Joachim Llambi oder Moderatorin Frauke Ludowig sind feste Größen im deutschen Fernsehen. Doch sie stehen, zumindest rein rechnerisch, unmittelbar vor dem Renteneintritt oder einem Altersteilzeitmodell. Genauso wie alle anderen der fast 1,4 Millionen im Jahr 1964 geborenen Bundesbürger. Und - nicht zu vergessen - die in den Jahren davor. Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer begannen 1955.

Eine Bloomberg-Analyse titelte im vergangenen Jahr: "Deutschland gehen die Arbeiter aus". Doch das ist nur die eine Seite der aktuell kritischen Situation. Denn mit den Arbeitern geht uns nicht nur deren Arbeitskraft verloren - was allein schonschlimm genug wäre - sondern vor allem auch deren wertvolles, jahrzehntelang angesammeltes Erfahrungswissen. Und dieser Teil der Entwicklung ist noch fatalerals der Mitarbeiterweggang, denn das Wissen lässt sich nicht durch Recruiting oder Zuwanderung und auch nicht durch gezielte Weiterbildung wieder aufbauen. Hier gilt: Was weg ist, ist weg. Deshalb sind Unternehmen, deren Wissensmanagement- und HR-Abteilungen gefordert, jetzt proaktiv zu agieren und dem Wissensverlust mit einer gezielten Wissenssicherungsstrategie wirksam vorzubeugen. Noch bleibt ein wenig Zeit, aber die Uhr tickt!

Kann man Erfahrungswissen überhaupt sichern?

Fachwissen - oder explizites Wissen - lässt sich vergleichsweise leicht dokumentieren. Oftmals liegt es in den Unternehmen sogar schon in dokumentierter Form vor - man müsste ggf. nur wissen, wo genau es liegt und wie man es (wieder-)findet. Aber das ist ein anderes Thema. Beim Erfahrungswissen herrscht der weit verbreitete (Irr-)Glaube, es ließe sich gar nicht schriftlich festhalten. Oder gar visualisieren. Das stimmt allerdings nur partiell. Natürlich sitzt das Erfahrungswissen zum allergrößten Teil in den Köpfen der Mitarbeiter und - das macht das das Explizieren besonders schwierig - es ist den meisten Wissensträgern gar nicht bewusst.

  • Es handelt sich dabei unter anderem um Beziehungswissen. Also zum Beispiel: An wen kann ich mich wenden, wenn ich eine Frage habe und nicht weiter weiß?
  • Es handelt sich aber auch um Kundenwissen, zum Beispiel: Wie reagiert ein bestimmter Kunde in Stresssituationen? Welche Themen triggern ihn? Und gibt es einen Icebreaker, mit dem man gut ins Gespräch kommen kann?
  • Und es handelt sich auch um Projektwissen, im Sinne von: Warum lief das eine Projekt gut, das andere aber nicht? Welche Teams funktionieren und woran liegt das?

Welche Projekterfahrungen aus der Vergangenheit haben zu neuen Herangehensweisen geführt und weshalb?

8 Stunden Aufwand - 80 Prozent gesichertes Wissen

Diese Liste ließe sich noch (fast) beliebig weiterführen. Gemeinsam haben all diese Wissensformen, dass man danach nicht nur fragen, sondern dieses Erfahrungswissen auch verschriftlichen kann. Idealerweise in Form von Wissenslandkarten. So entsteht innerhalb von erfahrungsgemäß zirka acht Stunden eine Landkarte des Erfahrungs- und Expertenwissens eines Wissensträgers - mit bis zu 500 Wissensbausteinen, die ohne einen solchen Sicherungsprozess verloren gegangen wären.

Bis zu 80 Prozent des Erfahrungswissen lassen sich auf diese Weise sichern. In nur acht Stunden! Ein minimaler Aufwand für das, was auf dem Spiel steht: das Wissen eines ganzen Arbeitslebens.

War for Talents: Auch die jüngeren Fachkräfte nicht vergessen

Ziel muss es sein, das Wissen der bald ausscheidenden Mitarbeiter systematisch in solchen Wissenslandkarten zu erfassen (oder es erfassen zu lassen) und es anschließend als lebendes Dokument zu begreifen, das sich permanent verändert und auch gepflegt werden muss. Hier sind die Nachfolger gefordert, die im Unternehmen verbleiben. Oder sollte man sagen: "hoffentlich verbleiben"? Angesichts des Fachkräftemangels nehmen die Abwerbeversuche der Konkurrenz sichtlich zu. Daher sollte auch das Erfahrungswissen der jüngeren Generationen nach und nach ins Bewusstsein sein rücken. Ansonsten droht mit jedem ausscheidenden Mitarbeiter auch ein immenser Bestandteil des organisationalen Wissens verloren zu gehen. Und da Wissen in vielen Organisationen mittlerweile bereits mit mehr als 60 Prozent zur Wertschöpfung beiträgt, ist dieses Wissen von schier unschätzbarem Wert - und sollte entsprechend gesichert werden, genauso wie andere Produktionsfaktoren auch.

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