2011/8 | Kolumne | Kolumne

Wissensmanagement – was kommt danach?

von Gabriele Vollmar

„Enterprise 2.0 hat Wissensmanagement abgelöst.“ Soweit eine Aussage auf einem Symposium im vergangenen Jahr. Eine Aussage, über die das Fachteam der Gesellschaft für Wissensmanagement e.V. (GfWM) gestolpert ist und die uns nachdenklich gemacht hat: Wie kommt es zu einer solchen Aussage? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Enterprise 2.0 und Wissensmanagement, wenn man denn der Aussage nicht zustimmt? Was steckt überhaupt hinter dem schillernden Begriff Enterprise 2.0?

Fangen wir mit der letzten Frage an! Gängige Definitionen, auf die wir gestoßen sind, definieren Enterprise 2.0 als „Verwendung von Sozialer Software im Unternehmenskontext“. Definiert sich das Unternehmen 2.0, also ein Unternehmen einer neuen Generation – denn das möchte das Anhängsel 2.0 uns ja suggerieren – lediglich über die Verwendung einer bestimmten Software? Das erschien uns doch zu kurz gesprungen. Kernstück des Positionspapiers ist nun eine neue Definition von Enterprise 2.0, die deutlich über die Verwendung von Web-2.0-Werkzeugen hinausgeht, begleitet von zehn Thesen rund um diese weiter gefasste Definition Beides möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten. Zum einen, weil wir uns natürlich freuen, wenn Sie das gesamte Positionspapier lesen, zum anderen weil wir in der nächsten Ausgabe von „wissensmanagement – Das Magazin für Führungskräfte“ ausführlicher darüber berichten möchten. Lassen Sie mich daher an dieser Stelle eine Diskussion aufgreifen, die uns erst hingeführt hat zu Definition und Thesen, nämlich die Annahme, dass man Enterprise 2.0 nicht einführen, sondern nur werden kann.

Wo liegt der Unterschied? Etwas einzuführen, bezeichnet in der Regel einen linearen, mehr oder weniger geplanten und steuerbaren Prozess, bestehend aus klar definierten und separierbaren Schritten, und es bezieht sich auf ein fassbares Objekt. Einführen bedeutet, dieses abgrenzbare Objekt dirigistisch von außen in ein bestehendes System einzubringen. Zu etwas werden hingegen, bezeichnet eine organische Entwicklung auf ein Ziel hin; ein Ziel, das durchaus diffus oder inhärent sein kann. Das Werden geschieht selbstgesteuert aus dem System heraus. Es beinhaltet Emergenz, also „die Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen auf der Makroebene des Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente“ (zitiert nach wikipedia), wobei sich diese neuen Eigenschaften des Systems nicht unbedingt auf Eigenschaften der Elemente zurückführen, die diese isoliert aufweisen.

Wer also davon spricht, „Enterprise 2.0 in Unternehmen einzuführen“, versteht Enterprise 2.0 als neues, separiertes Objekt, das von außen in das System „Unternehmen“ eingebracht wird, letztlich reduziert sich „Enterprise 2.0 einführen“ so auf die Einführung von Web-2.0-Werkzeugen; damit ist Enterprise 2.0 ein Synonym für eine bestimmte technische Lösung. „Enterprise 2.0 werden“, deutet auf einen komplexen Organisationsentwicklungsprozess hin, mit dem sich das System „Unternehmen“ als solches aus sich heraus verändert. Enterprise 2.0 bezeichnet dann tatsächlich eine neue Art von Unternehmung und geht über die Verwendung bestimmter Werkzeuge deutlich hinaus.

Wie kann ein solcher Prozess aussehen? Welcher Paradigmenwechsel findet am Übergang von 1.0 zu 2.0 statt? Welche Werte, Prinzipien und Artefakte bestimmen die Organisations- & Führungskultur in einem Enterprise 2.0? Und löst Enterprise 2.0 nun eigentlich Wissensmanagement ab? Ich lade Sie ein, das Positionspapier der GfWM zu lesen, zu kommentieren und fortzuschreiben – in bester 2.0-Manier eben!

A propos, „Wissensmanagement einführen“ oder „Lernende Organisation werden“, das ist die entscheidende Frage, gell?

Ihre Gabriele Vollmar

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