2026/3 | Fachbeitrag | Künstliche Intelligenz / Robotic

Wissensmanagement ohne KI ist nur noch Dokumentenablage

Künstliche Intelligenz verändert das Wissensmanagement grundlegend. An die Stelle strukturierter Dokumentenablage treten zunehmend produktive Assistenzsysteme. Nur durch ein solches KI-gestützte Upgrade bleibt das organisationale Wissensmanagement langfristig wettbewerbsfähig. Im Gespräch mit "wissensmanagement - Das Magazin für Digitalisierung, Vernetzung & Collaboration" erklärt Volker Braun, warum KI kein Zusatztool (mehr) ist, sondern einen Paradigmenwechsel im Wissensmanagement einläutet: weg von der Suche nach Informationen, hin zu kontextbezogenen Antworten im Workflow. Volker Braun spricht über Disruption, Governance, implizites Wissen - und darüber, warum Wissensmanagement ohne KI künftig nicht mehr als ein Archiv ist.

wissensmanagement: Herr Braun, viele Unternehmen betreiben seit Jahren Wissensmanagement. Warum sprechen jetzt plötzlich alle von einem Paradigmenwechsel?

Volker Braun: Weil sich gerade etwas Fundamentales verschiebt. Klassisches Wissensmanagement bedeutete lange: Informationen sammeln, strukturieren, ablegen. Doch KI macht Wissen erstmals aktiv nutzbar. Was früher als "Wissensdatenbank" galt, war oft nur ein digitales Archiv. Heute können KI-Systeme Inhalte kontextbezogen analysieren, verknüpfen und personalisiert ausspielen. Wissensmanagement wird damit vom statischen Speicher zum intelligenten Co?Worker.

wm: Ist das wirklich so disruptiv - oder nur ein weiterer Digitalisierungsschritt?

Braun: Es ist disruptiv. Ein CEO hat kürzlich intern formuliert: "KI kommt, um eure Jobs zu übernehmen. Sie kommt auch für meinen." Das ist drastisch formuliert - aber im Kern richtig. Nicht, weil Menschen ersetzt werden. Sondern weil sich Kompetenzanforderungen radikal verschieben. Was früher als "schwierig" galt, wird Standard. Was früher "unmöglich" war, wird machbar. Wissensarbeit verändert sich von Informationssuche zu Entscheidungs- und Kontextkompetenz.


Was früher als "schwierig" galt, wird Standard. 

Was früher "unmöglich" war, wird machbar.


wm: Was ist dabei die wichtigste Verschiebung - technisch und organisatorisch?

Braun: Technisch ist es der Wechsel von Suche nach Dokumenten hin zu Antwort- und Assistenzsystemen, die Inhalte verdichten, vergleichen und in den Arbeitskontext bringen. Organisatorisch heißt das: Wissensmanagement ist keine Nebenaufgabe mehr, sondern ein Produktivitätshebel - wenn Mensch, Technologie und Organisation stimmig zusammenspielen. Genau daran scheitert es oft: an Verantwortlichkeiten, Qualitätssicherung und einer Roadmap.

wm: Viele Unternehmen starten mit einem Chatbot. Ist das schon "KI-Wissensmanagement"?

Braun: Ein Bot ist häufig nur die Oberfläche. Das eigentliche Thema dahinter ist: Welche Quellen sind valide, aktuell und zugriffsberechtigt? Ohne saubere Datenbasis, Metadaten/Strukturen und Governance produziert man im Zweifel schnell wirkende, aber unsichere Antworten. Gerade im Umfeld von KI-Projekten wird oft unterschätzt, wie zentral Daten- und Speicherinfrastruktur für Skalierung, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit ist.

wm: Wo sehen Sie den größten Business-Impact - jenseits von "Wir sparen Zeit"?

Braun: Zeit ist nur der Anfang. Der größere Effekt ist: bessere Entscheidungen und weniger Reibungsverluste - weil relevantes Wissen nicht mehr in Tool-Silos steckt oder in Köpfen einzelner. Studien und Marktbeobachtungen zeigen, dass Unternehmen sich stark auf "besseren Zugriff auf internes Wissen" und "KI-Funktionen im Wissensmanagement" fokussieren. Der Wert entsteht dann, wenn KI nahtlos in tägliche Workflows integriert ist - nicht als Zusatztool.

wm: Was passiert mit "implizitem Wissen" - also Erfahrungswissen, das nie dokumentiert wurde?

Braun: Das ist eine der spannendsten Entwicklungen: KI kann helfen, implizites Wissen systematischer zu erfassen - z. B. über strukturierte Interviews, automatische Auswertung und bessere Durchsuchbarkeit. Damit wird Wissenssicherung bei Offboarding oder Rollenwechsel skalierbarer. Wichtig ist aber: Man braucht klare Spielregeln, Datenschutz und eine saubere Abgrenzung zwischen "Hilft beim Erfassen" und "gilt als freigegebenes Wissen".


KI kann helfen, implizites Wissen systematischer zu erfassen ...

Damit wird Wissenssicherung bei Offboarding oder Rollenwechsel skalierbarer. 


wm: Welche Kompetenzen brauchen Mitarbeitende im KI-getriebenen Wissensmanagement?

Braun: Zwei Ebenen: Erstens Arbeitsmethodik - richtig fragen, prüfen, iterieren, Ergebnisse einordnen. Zweitens Verantwortungskompetenz - Quellenbewusstsein, Risikoabschätzung, Compliance. Führung hat hier eine neue Aufgabe: Transparenz schaffen, Experimente ermöglichen, Ängste ernst nehmen und die Organisation befähigen.

wm: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Risiken - fachlich und kulturell?

Braun: Fachlich: Halluzinationen, veraltete Inhalte, fehlende Berechtigungen, Schatten-KI. Kulturell: Entweder übertriebene Angst ("KI nimmt alles weg") oder naive Tool-Euphorie ("Bot rein, Problem gelöst"). Beides verhindert Lernen. Erfolgreich wird, wer KI als System aus Daten, Prozessen, Rollen und Qualitätsmechanismen aufsetzt - nicht als Gimmick.

wm: Ihre provokante Schlussbotschaft an Entscheider?

Braun: Wenn Wissensmanagement nicht in der Lage ist, Arbeit schneller und besser zu machen, ist es kein Wissensmanagement - sondern ein Archiv. KI macht den Unterschied sichtbar: Entweder Wissen wird operationalisiert (im Prozess wirksam) oder es bleibt "nice to have". Und "nice to have" wird sich kaum ein Unternehmen leisten.



Der Interviewpartner:

Volker Braun ist Geschäftsführer und KI-Experte. Er begleitet Unternehmen bei der strategischen KI-Transformation – von KI-Business Development über Trainings bis zur Umsetzung innovativer KI-Produkte.

Web: www.bluetomato.tech

Mail: volker.braun@bluetomato.tech

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Wenn aus Abfall Daten werden

Aus den Augen, aus dem Sinn - so geht es vermutlich vielen Leuten beim Thema Abfall. Für die Münchner MARTIN GmbH geht der Job dann aber erst los. Seit über 100 Jahren baut das Unternehmen thermische Abfallbehandlungsanlagen zur Energiegewinnung. Und neuerdings auch mit hochmoderner IoT-Datenauswertung. Um etwa den Zustand der Anlagen oder die Ausschüttung von Emissionen zu überprüfen, kommt mittlerwi...

Weiterlesen

Hochschullehre neu gedacht: Studieren mit KI

WISSENplus
Studierende nutzen KI längst. Laut Umfragen greifen über 86 Prozent während ihres Studiums regelmäßig auf KI-Tools zurück. Während viele Hochschulen noch über Verbote oder Detektion diskutieren, zeigt die Realität: KI ist Teil des Studienalltags. Die Frage ist nicht mehr, ob Studierende KI nutzen, sondern wie. Kontrolle führt dabei in eine Sackgasse, der Aufbau von Kompetenzen weist hingegen ...

Weiterlesen

Archive digitalisieren - so geht's!

WISSENplus
Nicht nur über Digitalisierung reden, sondern diese auch theoretisch und praktisch zu planen und dann durchführen, ist das Anliegen einer jeden Digitalisierungsstrategie in einer privaten oder öffentlichen Einrichtung. Denn nur mit dieser gelingt letztlich die Umsetzung von Digitalisierung direkt aus der Praxis heraus mit einem progressiven Ergebnis. Viele Abteilungsleiter einer Informationseinricht...

Weiterlesen

Werkbank 4.0: Sechs smarte Einsatzszenarien für GenAI und Co.

Generative KI, Agentic AI und Physical AI bringen frischen Wind in die Industrie. Während klassische KI längst für Predictive Maintenance und Qualitätskontrolle eingesetzt wird, eröffnen diese Technologien ganz neue Möglichkeiten entlang des gesamten Fertigungsprozesses - von der Konstruktion über den laufenden Betrieb bis hin zur Mensch-Roboter-Interaktion. Doch welche Einsatzszenarien sind fü...

Weiterlesen

Die neuen Aufgaben des Chief Information Officers: Vom IT-Experten zum Unternehmensstrategen

WISSENplus
In der heutigen digitalisierten Wirtschaft unterstützt Technologie nicht nur das Geschäft - sie ist das Geschäft. Die Aufgaben des Chief Information Officers (CIO) haben sich daher vom Management von Systemen und Infrastrukturen hin zur Gestaltung von Strategien und zur Förderung der Transformation von Unternehmen entwickelt. Jedes Unternehmen ist heute auf digitale Fähigkeiten angewiesen, um zu a...

Weiterlesen

Learning-Content erstellen: Mit diesen KI-Tools klappt’s! Ein Erfahrungsbericht.

Immer mehr KI-Tools unterstützen dabei, Lernangebote zu konzipieren, Inhalte aufzubereiten oder Trainingsmethoden weiterzuentwickeln. Von der Recherche über die Erstellung didaktischer Materialien bis hin zur Visualisierung von Präsentationen eröffnen sich neue Möglichkeiten, Lernprozesse effizienter und zugleich abwechslungsreicher zu gestalten. Doch welche Anwendungen sind im Arbeitsalltag tatsächli...

Weiterlesen

Mit GenAI gegen den demografischen Wandel?

WISSENplus
Wenn erfahrene Teammitglieder das Unternehmen verlassen - altersbedingt oder durch einen Jobwechsel -, droht erfolgsentscheidendes Fachwissen verloren zu gehen. Eine geeignete, KI-basierte Wissensstrategie bietet Organisationen die Chance, Spezialkenntnisse systematisch zu erfassen, kontextbezogen verfügbar zu machen und Mitarbeitenden wertvolle Unterstützung an die Hand zu geben. ...

Weiterlesen