2024/1 | Titelthema | Knowledge Sharing

Wenn kritisches Wissen verloren geht: Ein Blick in die Gegenwartsforschung

von Joachim Lorenz

Der Transfer von Tacit Knowledge gewinnt in der gegenwärtigen Wissensverlustforschung zunehmend an Bedeutung. Der Verlust von organisationalem Wissen, kurz Organizational Knowledge Loss (OKL), bezeichnet die Situation, in der eine Organisation ihr kritisches Wissen teilweise oder vollständig verliert. [1] Der Verlust hat einen negativen Einfluss auf das organisationale Gedächtnis, welches die organisatorische Wissensbasis repräsentiert. [2] Der Verlust dieser organisatorischen Wissensbasis kann wiederum Kosten verursachen und zu Nachteilen im Wettbewerb führen. [3] In der Forschung wird diese Problemstellung mit dem organisationalen Vergessen gleichgesetzt. [4] Folglich stellt sich die Frage, wie dieses Phänomen verursacht wird.

Bildquelle: (C) Tumisu / Pixabay

Wie kommt es zu organisationalem Vergessen?

Mit dieser Frage nähern wir uns dem Feld des Wissensrisikomanagements. Denn OKL kann durch verschiedene Wissensrisikoszenaren evoziert werden. In der Literatur werden drei Wissensrisikobereiche genannt, in denen sich die Ursache suchen lässt:

  1. Technologien: In diesem Risikobereich werden Risiken im Zusammenhang mit der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien subsumiert. [1] Dazu zählen ein drohender Systemausfall (z.B. durch eine Cyberattacke), die Datenmigration auf einen neuen Server und das Risiko der Verwendung von Desinformationen oder unzuverlässigen Informationen (z.B. durch Halluzinationen bei Large Language Models).

  2. Prozesse: Zu diesem Risikobereich zählen Risiken im Zusammenhang mit Methoden des Wissenserwerbs, der Wissensspeicherung und des Wissenstransfers. [1] Dazu gehören die Verwendung von veraltetem Wissen (z.B. durch veraltete Dokumente), die Wissensauslagerung (z.B. durch Outsourcing) und die Störung des Wissenstransfers (z.B. durch eine mangelnde Absorptionsfähigkeit).

  3. Menschen: Mit diesem Risikobereich sind Risiken gemeint, die im Zusammenhang mit den persönlichen, sozialen, kulturellen und psychologischen Faktoren der Mitarbeitenden stehen, [1] insbesondere das Zurückhalten (z.B. durch eine Wettbewerbssituation) oder das Horten von Wissen (z.B. Desmotivation) sowie mangelnde Kompetenzen seitens der Fach- und Führungskräfte.

Welche Themenschwerpunkte stehen im Mittelpunkt der Gegenwartsforschung?

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit OKL wurde eine bibliometrische Analyse durchgeführt [5], um die konzeptionelle Wissensstruktur von OKL besser zu verstehen. Mittels der beiden Datenbanken Scopus und Web of Science konnten insgesamt 146 Artikel in englischer Sprache identifiziert werden, die über Biblioshiny, einer auf R-basierte Web-Applikation analysiert wurden. Durch die Auswertung der Schlüsselwörter der Autoren war es möglich, die thematische Entwicklung im Bereich OKL zu rekonstruieren - und so Einblicke in die Entwicklung und Trends im Forschungsfeld von OKL zu gewinnen:

  • Zwischen 2004 und 2014 lag der Fokus in der Literatur zu OKL deutlich auf den Schlüsselkonzepten "Knowledge Loss" (Wissensverlust) und "Knowledge Management" (Wissensmanagement). Der Begriff "Knowledge Loss" korrespondiert dabei direkt mit dem Kernthema von OKL. Unter "Knowledge Management" wird gemäß der Definition des DIN Deutsches Institut für Normung e.V. (2021) die "Bestimmung, Implementierung, das Betreiben sowie das Kontrollieren, Evaluieren und Verbessern von Maßnahmen zur effektiven und effizienten Nutzung der Ressource Wissen" verstanden. [6] Diese Konzepte spiegeln die zentralen Anliegen und Herausforderungen im Bereich OKL wider, insbesondere die Bedeutung der Wissensbewahrung in Organisationen.

  • In den Jahren 2015 bis 2018 zeigte sich in der Literatur zu OKL eine deutliche Verschiebung der Schwerpunkte. Das Schlüsselwort "Knowledge Loss" wurde zunehmend im Kontext von "Knowledge Transfer", "Knowledge Sharing" und "Tacit Knowledge" betrachtet. "Knowledge Transfer" bezeichnet "die gezielte Übertragung von Wissen von einem Sender zu einem Empfänger" [7], während "Knowledge Sharing" auf die Wissensverteilung innerhalb einer Organisation hindeutet, also "die Bereitschaft des Teilens als Voraussetzung für einen Wissenstransfer (Wissensteilung) wie auch die Notwendigkeit einer Verteilung von Wissen im Unternehmen". [7] "Tacit Knowledge" bezieht sich auf implizites, erfahrungsbasiertes Wissen, welches sich oft als schwer übertragbar erweist. [8] Interessanterweise wurde in diesem Zeitraum auch das Thema "Absorptive Capacity" (AC) intensiv diskutiert. Dieses Konzept beschreibt die Fähigkeit einer Organisation, externes Wissen zu absorbieren und in das Organisationsgedächtnis zu integrieren. [9] Diese Entwicklung zeigt eine Erweiterung des Fokus in der OKL-Forschung, die neben dem Management von Wissen innerhalb einer Organisation nun auch die Bedeutung der Integration externer Wissensquellen betrachtet.

  • Von 2019 bis heute lässt sich in der Forschung zu OKL eine Weiterentwicklung der zuvor dominierenden Themen erkennen. Ein interessanter Aspekt ist die Diversifikation des Konzepts der Absorptive Capacity (AC), welches sich nun stärker in Richtung organisatorischer Innovation aufspaltet. Organisatorische Innovation bezieht sich dabei auf die "Neugestaltung oder Veränderung von Prozessen und Strukturen innerhalb eines Unternehmens". [10]

Fazit

In jüngerer Zeit wird das Schlüsselwort "Knowledge Transfer" zunehmend im Rahmen der OKL-Forschung thematisiert, was auf eine Verlagerung von einem problemorientierten zu einem lösungsorientierten Ansatz hindeutet. In diesem Zusammnhang werden auch die Schlüsselwörter "Knowledge Sharing", "Tacit Knowledge" und "Knowledge Management" genutzt. Dies unterstreicht nicht nur die fortwährende Bedeutung dieser Konzepte, sondern hebt auch die zentrale Rolle der Wissensbewahrung als Oberkonzept in diesem Forschungsbereich hervor. Mit Blick auf die Zukunft wird der Bereich der organisatorischen Innovation im Zusammenhang mit AC und dem Transfererfolg in der OKL-Forschung weiter fokussiert werden.



Literatur:

[1] Durst, S., & Zieba, M. (2019). Mapping knowledge risks: towards a better understanding of knowledge management. Knowledge Management Research & Practice, 17(1), 1-13. https://doi.org/10.1080/14778238.2018.1538603

[2] Pautzke, G. (1989). Die Evolution der organisatorischen Wissensbasis - Bausteine zu einer Theorie des organisatorischen Lernens. Miinchen: Verlag Barbara Kirsch.

[3] Massingham, P.R. (2018), "Measuring the impact of knowledge loss: a longitudinal study", Journal of Knowledge Management, Vol. 22, No. 4, pp. 721-758.

[4] Mariano, S., Casey, A., & Olivera, F. (2020). Organizational forgetting Part I: a review of the literature and future research directions. Learning Organization, 27(3), 185-209. https://doi.org/10.1108/tlo-12-2019-0182

[5] Lorenz, J., Carrascosa-Lopez, C., Perello-Marin, M. R., & Müller, M. (2023). Understanding organizational knowledge loss (OKL): A bibliometric analysis. Proceedings of the European Conference on Knowledge Management, 24(2), 1709-1713. https://doi.org/10.34190/eckm.24.2.1231

[6] DIN Deutsches Institut für Normung e. V. (08.2021). DIN SPEC 91443 - 2021-08 - Beuth.de.  https://www.beuth.de/de/technische-regel/din-spec-91443/342178827

[7] Thiel, M. (2002). Wissenstransfer in komplexen Organisationen. Deutscher Universitätsverlag.

[8] Nonaka, I. (1995). The Knowledge-creating Company: How Japanese Companies Create the Dynamics . Oxford University Press.

[9] Cohen, W. M., & Levinthal, D. A. (1990). Absorptive capacity: A new perspective on learning and innovation. Administrative science quarterly, 35(1), 128. https://doi.org/10.2307/2393553

[10] Horeth, M. (2021). Der Innovationsbegriff. In: Intellectual Property in Innovationskooperationen. Springer Gabler, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-33797-1_4

 

 

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