2025/2 | Praxis Wissensmanagement | Gesetzgebung

Umsetzung eines Löschkonzeptes nach der DSGVO

von Horst Speichert

Spricht man das Thema Löschkonzept an, verursacht das bei den Beteiligten nicht selten reflexartige Bauchschmerzen. Jeder weiß, es gibt zahlreiche Löschpflichten nach der DSGVO und anderen Gesetzen, die aber überwiegend nicht beachtet werden, sondern als große Lücke im Raum schweben. Wer gewillt ist, die Lücke zu schließen, stößt nicht selten auf einen bürokratischen Aufwand, der das Bemühen schnell versanden lässt. Das muss nicht sein, denn schon einfache Software-Lösungen können bei der Umsetzung eines Löschkonzeptes effizient und nachhaltig unterstützen.

(C) gustavofer74 / Pixabay

Ausgangspunkt - gesetzliche Löschpflichten

Neben den bekannten sechsjährigen Aufbewahrungspflichten für Handelsbriefe oder zehnjährigen Aufbewahrungspflichten für steuerrelevante Unterlagen existieren zahlreiche gesetzliche Aufbewahrungsfristen z.B. im Personalbereich für Beitragsabrechnungen an die Sozialversicherungsträger [1], Arbeitsunfähigkeits (AU)-Bescheinigungen [2], Arbeitszeitnachweise [3] oder Bewerbungsunterlagen [4], um nur einige Beispiele zu nennen.

Hinzukommen mögliche vertragliche Aufbewahrungs- und Löschfristen aus Vertragsbeziehungen mit Geschäftspartnern wie z.B. Personal- oder Marketingdienstleistern.

Beispiel Bewerbungsunterlagen

Nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens müssen die Bewerbungsdaten unter Beachtung der gesetzlichen Vorgaben wieder gelöscht werden. Allerdings besteht die Löschungspflicht nicht sofort, sondern erst nach Ablauf von Aufbewahrungsfristen, die sich etwa aus dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ergeben.

Die Unterlagen aus dem Bewerbungsverfahren müssen für einen Zeitraum von bis zu sechs Monaten nach der ablehnenden Entscheidung aufbewahrt werden, um sich gegen etwaige Ansprüche des Bewerbers nach dem AGG verteidigen zu können. Dies entspricht der allgemeinen Meinung, die auch von den Datenschutzbehörden geteilt wird, z.B. in einer entsprechenden Veröffentlichung des Bundesbeauftragten für den Datenschutz. [5] Anschließend sind die Unterlagen dann fristgemäß zu löschen.

Dokumentation der Löschfristen

Unternehmen sind nach Art. 30 DSGVO zur Führung eines Verzeichnisses von Verarbeitungstätigkeiten (VVT) verpflichtet. Es ist gemäß Art. 30 Abs. 1 lit.f DSGVO für jedes Verfahren mit personenbezogenen Daten auch eine Löschfrist festzulegen. Für die Definition und Dokumentation von Löschfristen im Löschkonzept - es empfiehlt sich eine Auflistung der zahlreichen Fristen in einer gesonderten Anlage - kann deshalb ergänzend auch auf das bestehende VVT verwiesen werden.

Such- und Löschfunktionen

Im Falle von Auskunfts- bzw. Löschungsersuchen durch Betroffene (abgelehnte Bewerber, Arbeitnehmer usw.) muss ein Unternehmen die Möglichkeit haben, die personenbezogenen Daten einer bestimmten Person z.B. in den Personalakten, HR- und IT-Systemen aufzufinden, Auskunft zu erteilen und gegebenenfalls beweissicher zu löschen. Entsprechend müssen die wichtigsten Such- und Löschroutinen der IT-Systeme bekannt und einsatzbereit sein. Daher empfiehlt sich eine Erfassung und Auflistung der Suchfunktionalitäten der IT-Systeme (z.B. MS-Office, E-Mail usw.), des Einsatzes spezieller Löschsoftware und der Möglichkeiten der revisionssicheren Akten- und Datenträgervernichtung in einer speziellen Anlage zum Löschkonzept.

Löschungsnachweis

Die Beweislast für den Nachweis der erfolgten Löschung trägt das Unternehmen. Die detaillierte Dokumentation der Nachweismöglichkeiten sowie der erfolgten Löschvorgänge, z.B. durch

  • Löschprotokolle (Logfiles),
  • Screenshots,
  • manuelle Bestätigungen der ausführenden IT-Verantwortlichen,
  • Vernichtungsprotokolle beauftragter Dienstleister usw.,

ist deshalb erforderlich.

Bildung von Löschklassen

Die DIN 66398 [6] enthält eine Leitlinie zur Entwicklung eines Löschkonzepts mit Ableitung von Löschfristen für personenbezogene Daten. Als Vorbedingung für die Bildung von Löschklassen muss der Datenbestand zunächst in Datenarten aufgeteilt werden, für die Löschregeln (mit Löschfristen) festgelegt werden sollen. Die Löschfristen können für die Datenarten nur abgeleitet werden, wenn zuvor sogenannte Löschklassen gebildet werden.

Zur Umsetzung eines praktikablen Löschkonzeptes werden entsprechend der DIN 66398 vereinfachende Löschklassen gebildet, welche die vielfältigen gesetzlichen Löschfristen praktikabel zusammenfassen.

Fazit

Die Erfassung der gesetzlichen Löschfristen und der technischen Löschfunktionen, die Überwachung der Fristen, um sie nicht zu versäumen - man denke nur an die regelmäßige Durchforstung der Personalakten - die Beweissicherung der Löschvorgänge, all das verursacht einen erheblichen bürokratischen Aufwand, weswegen sich viele Unternehmen beim Löschkonzept wegducken und auf Lücke setzen. Das ist bei kluger Organisation und unterstützendem Einsatz einer einfachen Software-Lösung, die z.B. die Prozesse und Fristen in Löschklassen erfasst und an den Fristablauf automatisiert erinnert, ein überflüssiges und lösbares Risiko.


Quellen & Anmerkungen:


Der Autor:

Rechtsanwalt Horst Speichert, seit Jahrzehnten spezialisiert auf IT-Recht, Datenschutz; Fachbuchautor und Lehrbeauftragter für Informationsrecht, Seniorpartner der Kanzlei esb Rechtsanwälte, Mitgeschäftsführer der esb data gmbh. Ein Unternehmen, das die sog „LöschApp, ein die DSGVO-Konformität erleichterndes Tool, das die in der jeweiligen Organisation eingesetzte Software nach verarbeiteten Datenarten klassifiziert und mehrstufige Fristen für Löschtermine hinterlegt, entwickelt hat.

speichert@wissensmanagement.net

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Experience Gap: Wissen ohne Wirkung?

In den vergangenen Jahren hat sich Customer Experience stark professionalisiert: Wir haben gelernt, Kundensignale systematisch zu erfassen und diese über Dashboards, automatisierte Reports und NPS‑Tracking im Unternehmen verfügbar zu machen. Diese Grundlagenarbeit war wichtig - und sie war eine echte Stärke moderner CX‑Teams. Noch nie wussten Unternehmen so viel über ihre Kunden wie heute. Und doch ...

Weiterlesen

Warum KI erst im Prozess nachhaltig wirkt

WISSENplus
Künstliche Intelligenz gilt als einer der zentralen Treiber für Effizienz und Innovation in Unternehmen. In der Praxis zeichnet sich jedoch häufig ein anderes Bild: Während einzelne, isolierte Anwendungsfälle beeindruckende Ergebnisse liefern, scheitert die breite Skalierung von KI-Initiativen oft. Viele Projekte bleiben hinter den Erwartungen zurück oder werden nach ersten Tests gar nicht erst i...

Weiterlesen

70 Prozent der deutschen Unternehmen genehmigen KI-Projekte trotz Sicherheitsbedenken

Eine neue globale Befragung von 3.700 Business- und IT-Entscheidern, davon 200 in Deutschland, ergab, dass 70 Prozent der Entscheider in Deutschland (67 Prozent weltweit) bereits unter Druck standen, KI-Projekte trotz Sicherheitsbedenken zu genehmigen. 17 Prozent von ihnen (14 Prozent global) bezeichneten diese Bedenken sogar als "extrem", wurden aber dennoch übergangen, um mit Wettbewerbern...

Weiterlesen

Wenn KI den Code schreibt: Wo KI-gestütztes Programmieren an Grenzen stößt

WISSENplus
Python gehört seit Jahren zu den bekanntesten Programmiersprachen der IT-Welt - zuletzt insbesondere im Umfeld von KI-Anwendungen und datengetriebenen Systemen. Im Vergleich zu Programmiersprachen wie Java oder C++ gilt Python als vergleichsweise niedrigschwelliger Einstieg ins Coding. Mit Selbstdisziplin und kontinuierlichem Lernen lassen sich auch ohne Informatikstudium erste Anwendungen entwickeln....

Weiterlesen

Zwischen Exit-Plänen, Cloud-Diensten und Open Source: Mit DORA zur Datensouveränität

WISSENplus
Über 130.000 Fälle von Cybercrime gab es 2024 in Deutschland insgesamt. Und immer öfter geraten Banken, Versicherer und Finanzdienstleister in den Fokus digitaler Bankräuber. Dabei geht es nicht nur um Schäden in Milliardenhöhe, der Finanzsektor ist auch Teil der kritischen Infrastruktur. Um für mehr Sicherheit zu sorgen, hat die EU die DORA-Verordnung auf den Weg gebracht. Die Regularien darin,...

Weiterlesen

Crisis of Hope: Orientierungssuche in hybriden Welten

WISSENplus
Hybrides Arbeiten ist vom Krisenmodus zum Standard geworden. Für viele Wissensarbeitende gehört die durch Homeoffice gewonnene Flexibilität inzwischen zu den beliebtesten Benefits und gilt heute vielerorts als nicht mehr verhandelbar. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis jedoch eine strukturelle Herausforderung: Besonders für junge Talente droht die Freiheit hybrider Arbeit in Isolation umzuschlag...

Weiterlesen

Ressortübergreifende Zusammenarbeit: Kollaboration in der Verwaltung

WISSENplus
In einer Zeit, die von grundlegenden technologischen Transformationen und neuen geopolitischen Rahmenbedingungen geprägt ist, steht der öffentliche Sektor vor der Herausforderung, zunehmend komplexe Prozesse und Maßnahmen effektiv umzusetzen und dabei Informationssicherheits- und Datenschutzstandards einzuhalten. Die Zusammenarbeit über Ressort- bzw. Behördengrenzen hinweg unterliegt besonderen An...

Weiterlesen

Über diese Fallen stolpern KI-Projekte in der Produktion

Produktionsbetriebe gelten als eines der größten und vielversprechendsten Einsatzgebiete für Künstliche Intelligenz. Doch häufig stehen Aufwand und Ertrag, Erwartungen und Ergebnisse von KI-Projekten in einem krassen Missverhältnis. Verantwortlich dafür sind charakteristische Irrtümer und Fehlentscheidungen, die es zu vermeiden gilt....

Weiterlesen