2013/6 | Kolumne | Kolumne

Schön zu wissen

von Gabriele Vollmar

Haben Sie schon einmal vom CNSilk Projekt gehört? Hier haben Forscher des MIT Seidenraupen gewissermaßen als 3-D-Drucker eingesetzt. Herausgekommen ist eine riesige Seidenkuppel, die man vor allem mit einem Wort beschreiben kann: schön. Oder vom Föhr Reef? Einem riesigen gehäkelten Korallenriff. Dabei wurde die alte Fertigkeit des Häkelns mit Erkenntnissen der Mathematik, Biologie und Ökologie kombiniert, um einen hyperbolischen Raum zu erschaffen. Herausgekommen ist vor allem etwas Schönes.

„Wie Schönes Wissen schafft", so heißt das Jahresthema des Museums der Universität Tübingen (http://www.unimuseum.uni-tuebingen.de/schoenes-wissen.html). Es wird die Frage gestellt, ob und inwiefern sich Objektästhetik und wissenschaftliche Erkenntnis bedingen – oder vielleicht doch widersprechen.

Ein Axiom in diesem Zusammenhang ist, dass Schönheit, aber auch Hässlichkeit, Erhabenheit oder Komik – all dies Kategorien der Ästhetik – uns emotional berühren, uns betroffen machen und dadurch die Motivation schaffen, uns näher damit auseinanderzusetzen. Ästhetik steht ja in seiner ursprünglichen Bedeutung keineswegs für das Schöne, so wie wir es im Umgangssprachlichen oft verwenden, sondern viel allgemeiner für „Wahrnehmung" und „Empfindung". Ästhetisch ist etwas, das eine Wirkung auf uns hat. Schönes kann dies auslösen, aber auch andere Eigenschaften. In der Philosophie (siehe Alexander Gottlieb Baumgarten) bezeichnet Ästhetik auch die Theorie der sinnlichen Erkenntnis.

Es geht also auch um Verständnis. So sollte das Häkeln des Korallenriffs sowohl bei den Häklern als auch bei den Betrachtern das Verständnis eines ansonsten eher abstrakten und schwer zu begreifenden, im wahrsten Sinne des Wortes, Konzepts, nämlich dem des hyperbolischen Raums befördern. Ästhetik ist also in diesem Zusammenhang keineswegs ein Selbstzweck.

Sinnlich – etwas mit den Sinnen wahrnehmen (und eben nicht nur kognitiv). Emotional – eine Empfindung auslösen. Im Kontext von Wissen ein eher wenig begangenes Feld, oder? Und doch ein lohnendes: Denken Sie zum Beispiel an das aktuell sehr spannende Feld der Knowledge Visualization. Auch hier wird ja versucht, etwas – oft Abstraktes – ins Bild und damit ins Verständnis zu bringen. Ein Bild hat dabei immer und vor allem eine ästhetische, d.h. eine sinnliche und emotionale Komponente. Und wie häufig liegen nicht der so genannte Free Rider, damit bezeichnet man eine aus der Visualisierung gewonnene, aber nicht intendierte Erkenntnis, und der eigentliche Erkenntnisgewinn genau hierin begründet?

Wo und wie häufig setzen Sie Visualisierungen – und nicht nur Mindmaps, sondern „echte" Bilder – als Wissensmanagement-Werkzeug ein? Wie viele Visualisierungstechniken kennen Sie? War / ist es Bestandteil Ihrer Qualifizierung als Wissensmanager? Gibt es Wissensmanagement-Ausbildungen, welche das Thema Visualisierung aktiv adressieren? Wir tun uns schwer damit, oder? Vielleicht weil wir nicht noch mehr in die Esoterik-Ecke im Unternehmen gedrängt werden möchten. Vielleicht weil wir uns ganz persönlich Visualisierung gar nicht mehr trauen?

Bei einem Workshop, bei dem es auch um eine thematische Findung eines Projektteams, um eine gemeinsame Vision und Zielsetzung ging, habe ich kürzlich mit einem professionellen Visualisierer zusammengearbeitet. Dieser hat nun aber nicht nur den Workshop mit einem so genannten visuellen Protokoll begleitet, sondern auch eine moderierte Malaktion mit den Teilnehmern gemacht. Auf seine Frage, wer denke, dass er nicht malen könne, haben sich erwartungsgemäß fast alle gemeldet. Auf die Frage, wer denn als Kind nie gemalt habe, fast keiner. Visualisierung ist eine verschüttete Fertigkeit, die wieder freizulegen, sich lohnen kann.

Übrigens: Der wesentliche Begriff der indischen Ästhetik, Rasa, bezeichnet einen mentalen Zustand der Freude und Erfüllung. Wäre doch schön, wenn dieser sich auch – immer wieder – beim „Zusammentreffen" mit Wissensmanagement einstellte, oder?

Ihre Gabriele Vollmar

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