2009/11 | Fachbeitrag | Intuition

Mit Ratio und Intuition zur richtigen Entscheidung

von Joachim Skambraks

Inhaltsübersicht:

 

Wenn sich eine Computerberechnung irrt, dann ist das immer eine rational berechnete Toleranz, mit der man sich zufrieden gibt. Aber ein nicht vorhergesagter Lawinenabgang wird zu einem unentschuldbaren menschlichen Versagen, wenn eine intuitive Aussage zu Grunde lag. Die Bergführer sind sich allerdings sicher: Die mit intuitiven Methoden gewonnen Erkenntnisse sind auf Dauer betrachtet zuverlässiger, als Messungen nach Zahlen und Daten. Und wie verhält es sich in unseren Unternehmen? Wie wird wohl die Aussage eines Managers kommentiert, der eine Entscheidung mit den Worten begründet: „Das habe ich intuitiv entschieden.“

 

Lassen Sie uns in die Lage eines Projektmanagers versetzen: Projekte sind heute so komplex und unüberschaubar geworden, dass die menschliche Ratio diese Herausforderung nicht mehr alleine bewältigen kann. Viele Projekte erfordern sogar ein Multiprojektmanagement. In diesem Fall werden komplizierte Softwaresysteme eingeführt, damit die Unmenge an Wissen und Prozessen überhaupt noch gehändelt werden kann. Trotzdem scheitern über zwei Drittel aller Projekte. Dazu kommt, dass nach der Studie „Abenteuer Wertvernichtung“ überhaupt nur neun Prozent der Unternehmen wissen, wie viele Projekte im Unternehmen aktuell laufen und in welcher Phase sie sich befinden.

 

Unterbewusstes Erfahrungswissen nutzen

Durch die steigende Komplexität und den Überfluss an Informationen kommt allerdings die Ratio zunehmend an ihre Grenzen. Dabei wissen wir Menschen viel mehr, als wir denken. In unserem Unterbewusstsein liegt ein riesiger Wissensschatz, mit dem wir wahre Wunder vollbringen können. Es gilt auch in Unternehmen, dieses Wissen der Mitarbeiter und des Unternehmens zu nutzen.

 

In jeder Sekunde nehmen wir über alle unsere Sinne etwa elf Millionen Informationen auf. Nur wie viel davon können wir bewusst – also rational – verarbeiten und für vernünftige Entscheidungen verwenden? Etwa fünfzig Informationseinheiten pro Sekunde. Also etwa so viele Buchstaben, wie dieser Satz hat. Was aber geschieht mit all den anderen Informationen? Sie gehen nicht verloren, sondern werden in unserem Unterbewusstsein abgespeichert – ein Erfahrungswissen, das auch ständig in unsere lebenswichtigen Entscheidungsprozesse einbezogen wird.

 

Experten beispielsweise sind im Nachhinein mit intuitiv getroffenen Entscheidungen zufriedener als mit denen, über die lange nachgedacht wurde. Immerhin haben laut einer Studie von Novem Business Applications aus 2006 47 Prozent der Manager erfolgreiche Entscheidungen eher intuitiv getroffen.

 

Ganzheitlich denken – kollaborativ arbeiten – kollektive Intelligenz nutzen

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Unternehmen, damit sie diese Reichtümer an Wissen auch nutzen können? Wohl werden sich die Methoden, wie Wissen gesammelt, dokumentiert und den Menschen zur Verfügung gestellt wird, ändern müssen. Neben den herkömmlichen Verfahren und Datenbanken wird es informelle Treffen geben, die mit gehirnfreundlichen Methoden moderiert und deren Ergebnisse visuell übersichtlich dokumentiert werden. Soziale Netzwerke, wie wir sie aus Chats oder von Twitter kennen, verfügen über eine Suchmaschinenfunktion und Menschen können auf Fragen in Echtzeit antworten und gleichzeitig recherchieren. In die Kommunikation in Echtzeit lassen sich sogar Dokumente und Dateien einbinden. Die Zeiten, in denen Projektberichte in Projektordnern schlummern, gehören heute schon der Vergangenheit an. Sogar XING bietet seinen Mitgliedern neuerdings diese Funktion an: Ich stelle eine Frage an die Gemeinschaft und lasse mich positiv überraschen, welches Wissen für mich generiert wird.

 

Ebenso werden in einigen Jahren die Mitarbeiter in wissensintensiven Unternehmen anders lernen als heute. Vielleicht werden sie sogar lernen, strategisch intuitive Entscheidungsprozesse einführen und die dazu passenden Techniken beherrschen. Auch die Erkenntnisse über Spiegelneuronen werden ganzheitliche Lernprozesse durch natürliche Lernformen unterstützen. Das heißt sicher nicht, dass das herkömmliche Wissen nicht mehr gefragt ist. Es bedeutet allerdings, dass die herkömmlichen Techniken dringend einer Unterstützung durch ganzheitliche Wege des Wissensmanagements, der Entscheidungsfindung und der Unternehmensführung bedürfen.

 

Intuition kann man trainieren

Wie könnte ein Entscheidungsprozess aussehen, der auch die intuitiven Möglichkeiten berücksichtigt? Zuerst bedarf es einer konkreten Fragestellung, die beantwortet werden soll. Stellen Sie diese eindeutig und schreiben Sie sie auf. Anschließend befragen Sie Ihre Intuition. Lassen Sie dabei Ihren Gedanken freien Lauf. Achten Sie auf innere Impulse, Bilder, Handlungsabläufe und Wahrnehmungen. Überlegen Sie dann, wie Ihnen diese Informationen helfen können, die Frage zu beantworten. Schreiben Sie anschließend die Interpretation der Antwort auf. Natürlich sollte man diese Art der Informationsgewinnung auch üben. Hier einige Vorschläge, wie Sie auch in der Praxis Ihre Intuition trainieren können:

  • Vertrauen Sie Ihrer Intuition und Ihrem Zeitgefühl: Kochen Sie doch einmal ein weiches Ei, ohne auf die Uhr zu sehen. Geben Sie nicht gleich beim ersten Mal auf.
  • Wenn Ihr Telefon im Büro klingelt, überlegen Sie kurz, bevor Sie abheben, wer am anderen Ende der Leitung sein könnte.
  • Wenn Sie das Foto eines unbekannten Menschen sehen, fragen Sie sich: Was hat dieser Mensch erlebt? Was ist seine Lebensgeschichte? Was macht ihn besonders? Über welche Stärken und welche Schwächen verfügt er?
  • Blättern Sie in einem Buch und lesen Sie es quer. Die Seiten, an denen Sie „hängen bleiben“, beinhalten häufig Hinweise zu der Problemstellung, die Sie gerade beschäftigt.

Im zweiten Schritt lösen Sie die Frage ganz klassisch nach rationalen Methoden und Prozessen. Wenn die Antwort in beiden Fällen die gleiche ist, dann haben Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit die richtige Antwort gefunden. Wenn nicht, gehen Sie einen dritten Schritt: Wenn Sie eine Entscheidung aus mehreren Alternativen treffen müssen, stellen sich die Alternativen aus verschiedenen Perspektiven und Rollen vor. Schauen Sie, wie sich dieser Perspektivenwechsel auf Sie und Ihre Situation auswirkt. Jetzt machen Sie einen Zeitsprung. Der neue Zeitpunkt liegt in einem Bereich von drei Monaten, sechs Monaten oder auch einem Jahr. Stellen Sie sich dann die Auswirkungen der Varianten vor, so als ob Sie seit dem vergangenen Zeitraum mit der Entscheidung arbeiten müssen, sie anwenden oder davon betroffen sind. Wie sind Ihre Gefühle dabei? Warm, positiv und entspannt? Oder kalt, negativ, unangenehm oder verkrampft? Schauen Sie sich die Möglichkeiten an und schätzen Sie ein, welche Entscheidung in der Zukunft die tragfähigste sein kann. Ihr Körper weiß die Antwort und verrät Sie Ihnen über seine Reaktionen. Sollten die Antworten von einander abweichen, beginnen Sie wieder mit dem ersten Schritt.

 

Dieser dreistufige Prozess hat bereits sehr vielen Unternehmern und Führungskräften geholfen, intuitive Hilfen in den eigenen Entscheidungsprozess einzubeziehen.

 

Fazit

Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch ein Beispiel für Wissensmanagement mit intuitiven Methoden in der Technik geben. Lesen Sie das Zitat eines Mannes, der im 19. und 20. Jahrhundert über 700 Erfindungen gemacht hat: „Es spielt für mich überhaupt keine Rolle, ob ich meine Turbine nur in Gedanken laufen lasse oder sie in meiner Werkstatt teste. Ich merke dabei sogar, wenn sie nicht vollkommen gleichmäßig läuft. Es gibt keinen Unterschied, die Ergebnisse sind dieselben. So bin ich in der Lage, schnell ein Konzept zu entwickeln und zu vervollkommnen, ohne etwas anzufassen. Meine Erfindung funktioniert dann unweigerlich so, wie ich sie konzipiert haben und das Experiment führt genau zum geplanten Ergebnis. In zwanzig Jahren hat es dabei nicht eine einzige Ausnahme gegeben.“ (Nicola Tesla über sich selbst. Harman/Rheingold, Die Kunst, kreativ zu sein.)

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