2020/8 | Fachbeitrag | Digitalisierung

Kulturwandel als Basis für eine erfolgreiche Transformation

von Gabriele Sommer

Inhaltsübersicht:

Es braucht mehr als nur die technische Ausstattung

Digitalisierung, KI und Automatisierung bieten Unternehmen viele Chancen, stellen sie aber auch vor gewaltige Herausforderungen. Denn sie verändern nicht nur einzelne Prozesse und Produkte, sondern revolutionieren ganze Branchen. Während der Corona-Pandemie hat die Digitalisierung zuletzt ordentlich Rückenwind bekommen: Unternehmen haben in Rekordzeit technisch "aufgerüstet". Mitarbeitende und Führungskräfte konnten unter Realbedingungen erleben, was bereits möglich ist. So wird beispielsweise zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten, das zuvor oftmals nur ein Lippenbekenntnis war, sicherlich nachhaltig mehr Akzeptanz erfahren. Wer jetzt aber denkt, es reiche aus, die technischen Voraussetzungen und digitalen Tools bereitzustellen, liegt falsch. Der digitale Wandel muss sich vor allem in der Unternehmenskultur wiederfinden und die Mitarbeiter mit einbinden.

Aufgaben müssen neugestaltet werden

Der Einsatz von KI-Systemen definiert eine Vielzahl von Rollen und Aufgaben neu. 80 Prozent der repetitiven, prozessorientierten Aufgaben soll bereits in drei bis fünf Jahren automatisiert sein. Davon werden alle Sparten und Ebenen im Unternehmen betroffen sein - auch die Führungsetage. Denn Algorithmen können immer mehr Prozesse auf Managementebene berechnen und Entscheidungsvorgaben machen. Studien zufolge könnten KI-Anwendungen schon in circa fünf Jahren drei Viertel aller Managementaufgaben übernehmen. Aber wo gewisse Aufgaben und damit Arbeitsplätze wegfallen, entstehen woanders neue. Denn Jobs bestehen meist aus mehreren Aufgabengebieten. Entfallen die repetitiven Aufgaben, schafft das mehr Zeit und Raum für Kreativität und Service. Hier liegt die große Chance für Unternehmen. Flexibilität, Komplexität und „Solution Workforce“

Projekte werden zunehmend interdisziplinärer und komplexer. Um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, wird ein Wandel vom Wissensträger zur so genannten "Solution Workforce" stattfinden, die unterschiedliche Informationen, relevante Wissensquellen und viele lose Enden eines Themas miteinander verknüpft. Das bedeutet, Mitarbeiter haben keine gleichbleibenden, eindeutig zugeordneten Aufgaben mehr. Stattdessen wird es Aufgaben- und Verantwortungsbereiche geben, in denen die Projekte je nach Kundenanforderung organisiert und strukturiert werden. Projektteams werden kurzfristig und flexibel - je nach Kompetenzen und Fähigkeiten - zusammengestellt. Damit wird sich die Aufgabe der Führungskräfte im Team ebenfalls verändern, da sie die diversen Themenkomplexe nicht "allwissend" verstehen können. Denkbar ist sogar, dass die Selbststeuerung der Teams nach Zielen genaue Anweisungen und damit auch die fachliche Leitung durch Führungskräfte ersetzt.

Fokus auf Arbeitsqualität statt -umfang

Von den Mitarbeitenden erfordert der Wandel viel Flexibilität und Stressresistenz. Nicht jeder Mensch kann gleich gut mit den damit verbundenen Unsicherheiten umgehen. Hinzu kommt, dass sich durch KI-Anwendungen und Automatisierung die Komplexität der Arbeit verändert: In einigen Bereiche werden die Tätigkeiten monotoner, in anderen hingegen vielschichtiger. Das erfordert, dass wir unser Verständnis von Arbeit mittelfristig neu schaffen. Der Umfang wird weniger wichtig werden, die Qualität dafür umso mehr.

Fachliche und persönliche Weiterbildung sind entscheidend

Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des TÜV-Verbands unter 1.000 Personen ab 16 Jahren hat ergeben: Drei von vier Bundesbürger:innen glauben, dass die Angestellten in Deutschland "gar nicht" oder "eher weniger gut" auf die durch den KI-Einsatz ausgelösten Veränderungen vorbereitet sind. Auf dem Weg zu einem grundlegenden neuen Verständnis von Arbeit ist es deshalb wichtig, alle Menschen mitzunehmen. Ein entscheidender Punkt hierbei sind Weiterbildungen. Diese müssen zum einen fachlich erfolgen, um die Technologie zu verstehen und sich der Herausforderung gewachsen zu fühlen. Neben Weiterbildungen im Bereich IT, KI oder anderen technischen Fachgebieten sollten auch Management-Methoden berücksichtigt werden. Zum anderen braucht es die persönliche Weiterentwicklung der Führungskräfte und Mitarbeitenden, um mit den Änderungen der Arbeitsanforderungen umgehen zu können und um Über-, aber auch Unterforderung zu vermeiden.

Change als Challenge

Alle beschriebenen Tendenzen und Veränderungen werden von verschiedenen Einflussfaktoren bestimmt. Ein entscheidender Faktor und damit auch eine der größten Herausforderungen in diesem dynamischen Umfeld ist die kulturelle Veränderung im Unternehmen. Um die Chancen des technologischen Fortschritts nutzen zu können, muss dieser mit dem Kulturwandel Hand in Hand gehen. Die Umsetzung ist aber deutlich schwieriger als die Anpassung der technischen Voraussetzungen. Damit der Kulturwandel gelingt, müssen alle Angestellten, vom Mitarbeiter bis zur Führungsebene, mitziehen und den Wandel gemeinsam mitgestalten. Unternehmen werden ku?nftig mit ihrer wertvollsten Ressource - dem Wissen und der Innovationskraft ihrer Mitarbeiter - sorgsamer umgehen müssen.

Wie den Kulturwandel angehen?

Eine zukunftsfähige Unternehmenskultur muss entsprechend überlegt gestaltet sein und idealerweise die Mitarbeiter von Anfang an einbinden. So hat TÜV SÜD im vergangenen Jahr seine Unternehmenskultur an die neue Strategie und die aktuellen Herausforderungen angepasst. Das geschah in einem integrativen Prozess: Ausgehend von bestehenden Werten und Zielen, die das Unternehmen regelmäßig in einer Mitarbeiterbefragung erhebt, wurde von der globalen HR-Abteilung ein erster Vorschlag gestaltet. Dieser wurde in über 40 Workshops mit mehr als 600 Mitarbeitern weltweit aus allen Hierarchiestufen gespiegelt, kommentiert und diskutiert. Dabei waren die bestehende Unternehmenskultur mit unserer Vision und Mission und unserer Strategie natürlich wichtige Einflussfaktoren, um die aktualisierte Kultur zukunftsfähig zu gestalten. Diese spiegelt unsere Unternehmenswurzeln und originären Werte und Ziele wider. Gleichzeitig soll sie Neugier auf Innovationen und Lust auf Wandel ebenso fördern wie kontinuierliches Lernen und Weiterdenken.

Nur eine Kultur, die dies vorlebt und einfordert, hilft Mitarbeitenden, sich und ein breites Skill-Set zu entwickeln und das zielführend einzusetzen. Die Kultur wird über die interne Kommunikation und unsere Führungskräfte im Unternehmen weltweit verbreitet. Dazu stehen in einer Toolbox verschiedene Materialien gebrauchsfertig zum Download bereit.

 

 

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

KI-gestützte Suche: Lohnt sich die Einführung?

WISSENplus
Die Zeit- und Geldverschwendung bei der Suche nach Dokumenten in Unternehmen nimmt zu und führt zu viel Frust. Die Ursachen sind u.a. uneinheitliche Dokumentenbezeichnungen und fehlende Standards, eine wachsende Vielfalt von Formaten, intransparente Datenquellen und unzureichende Suchfunktionen. Künstliche Intelligenz kann hier Abhilfe schaffen. ...

Weiterlesen

Next Generation: Advanced Analytics – mehr als „nur“ BI

WISSENplus
Daten gelten schon seit längerem als das neue Gold. Doch Unmengen an Informationen lediglich zu erheben und zu speichern, genügt noch lange nicht. Um von ihrem Datenfundus gewinnbringend zu profitieren, müssen Unternehmen ihre Bestandsinformationen konsolidieren und auswerten, um aus den gewonnenen Erkenntnissen die richtigen Entscheidungen ableiten und systematisieren zu können. In diesem Kontext...

Weiterlesen

Smarte Sprachsysteme revolutionieren Telefonate

WISSENplus
Versuche, telefonische Beratung zu verbessern oder günstiger zu machen, gibt es schon lange - vor allem dort, wo in großem Stil telefoniert wird, also in Call Centern. Doch die ersten Ansätze haben dazu geführt, dass sich Millionen von Anrufern durch 1-2-3-Telefonmenüs von Service-Hotlines quälen mussten. "Drücken Sie 1 für Beratung, 2 für Kaufen, 3 für ..." - und das häufig über...

Weiterlesen

Digitalisiert & vernetzt: Daten im (Work-)Flow

Daten gelten als Gold des 21. Jahrhunderts. Sie haben sich als vierter Produktionsfaktor neben Boden, Arbeit und Kapital fest etabliert. In vielen Organisationen tragen sie - als elementarer Wissensbaustein - mittlerweile sogar mit mehr als 60 Prozent zur Wertschöpfung bei. Doch trotz ihrer wachsenden Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit werden Daten in vielen Organisationen nach wie vor vernachlässig...

Weiterlesen

Digitale Hochschullehre als Bildungsherausforderung

WISSENplus
Hochschullehrende übernehmen eine besondere Verantwortung für die Zukunft in einer digitalisierten Welt. Sie müssen den Studierenden digitale Erfahrungen ermöglichen, auch dann wenn es für sie selbst eine persönliche Herausforderung darstellt. Im Projekt MathEdu Digital an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd geht es daher um die Identifikation von Barrieren und deren Abbau, aber auc...

Weiterlesen

Remote, produktiv, effizient: Zusammenarbeit neu definiert

WISSENplus
In den vergangenen Monaten hat sich eine nie dagewesene Offenheit für neue Arbeitsweisen, Homeoffice und Remote Work etabliert. Was viele Arbeitnehmer freut, bedeutet für Unternehmen und IT-Verantwortliche jedoch eine echte Herausforderung: Mitarbeitern sicheren Zugang zu Dokumenten, Daten und Applikationen bieten sowie eine enge Zusammenarbeit und effiziente Prozesse auch remote ermöglichen. Moder...

Weiterlesen

Die Agilität des Raumes: Das Büro als Wohlfühlfaktor

WISSENplus
2008 - das iPad war noch nicht erfunden. Die digitale Transformation der Arbeit brach gerade erst an und Michael O. Schmutzer wollte mit Design Offices die Grundlage für die künftige New Work legen. Zu der Zeit herrschte Leerstand in den Bürogebäuden deutscher Metropolen. Hamburg, Frankfurt, München - leere Büroetagen auf bis zu zwei Millionen Quadratmetern. Die Büros waren ausgerichtet für zw...

Weiterlesen

Know Your Customer: Prüfungspflichten automatisieren

WISSENplus
Seit 2020 gelten verschärfte Prüfungs- und Meldepflichten, um Geldwäsche oder Terrorfinanzierung aufzudecken. Inzwischen geht der Kreis der KYC-"Verpflichteten" (Know Your Customer, kenne Deinen Kunden) weit über den Finanzsektor hinaus. Auch Digitalplattformen, Immobilien-, Kunst- & Güterhändler müssen bei Barzahlungen hoher Beträge künftig KYC-Prüfungen durchführen. Angesich...

Weiterlesen