2024/1 | Digitalisierung | Künstliche Intelligenz / Robotic

Kritisches Denken in Zeiten von KI-Bots & Co.

von Dr. Thomas Wala

Der Kompetenz zum kritischen Denken kommt aufgrund der im Digitalzeitalter stetig wachsenden Informationsfülle von mitunter zweifelhafter Güte, welche nicht zuletzt durch die sozialen Medien sowie durch auf künstlicher Intelligenz (KI) basierenden Applikationen angefacht wird, eine immer größere Bedeutung zu. Kritisches Denken sollte daher gezielt gefördert werden - und zwar sowohl an den Hochschulen als auch in Unternehmen.

Die Fähigkeit des kritischen Denkens

Kritisches Denken ist eine kognitive Fähigkeit, welche auf die Bildung vernünftiger Überzeugungen, das Finden effektiver Problemlösungen oder das Treffen guter Entscheidungen abzielen kann. Wenngleich die konkrete Ausformung von kritischem Denken stark kontextabhängig ist, zeichnet es sich doch durch einige grundlegende Merkmale aus:

  • Kritisches Denken beinhaltet die Offenheit für verschiedene Meinungen und Perspektiven auf ein Thema sowie die Kompetenz, logische Fehlschlüsse zu erkennen und zu vermeiden.

  • Kritisches Denken ist frei von kognitiven Verzerrungen (z.B. Halo-Effekt, Sunk Cost-Effekt etc.) und setzt die Befähigung voraus, Aussagen, Annahmen und Vorschläge anhand sorgfältig recherchierter Fakten sowie erforderlichenfalls auch unter Einsatz wissenschaftlicher Methoden möglichst objektiv - und mitunter auch unter Berücksichtigung ethischer bzw. nachhaltigkeitsbezogener Aspekte - beurteilen zu können.

  • Kritisches Denken wird durch (an)trainierbare Eigenschaften wie u.a. Neugierde, Gewissenhaftigkeit bei der Suche nach relevanten Informationen, Geduld und Durchhaltevermögen bei auftretenden Problemen, Selbstreflektiertheit sowie einer gewissen Skepsis gegenüber voreiligen - mitunter auf bloßem "Bauchgefühl" basierenden - Schlüssen begünstigt.

  • Kritisches Denken steht in enger Verbindung zu kreativem Denken, welches neue Ideen und Problemlösungsvorschläge generiert sowie zu rationalem Denken, welches v.a. die Einhaltung der Prinzipien der (formalen und informellen) Logik im Fokus hat. Weiters besteht ein Naheverhältnis zu vernetztem Denken, welches eine Problemstellung als komplexes System von Ursache-Wirkungs-Beziehungen interpretiert und insofern auch eine Berücksichtigung von mitunter bloß indirekten Beziehungen zwischen den einzelnen Systemelementen sowie positiver oder negativer Rückkopplungen bzw. Nebenwirkungen alternativer Lösungswege propagiert. Kritisches Denken vereint all diese Denkformen, indem es Ideen oder Argumente multiperspektivisch analysiert und bewertet, um so zu ausgewogenen Schlussfolgerungen und fundierten Entscheidungen zu gelangen. Dabei gilt, dass kritisches Denken stets ein grundlegendes (Fach-)Wissen auf dem betreffenden Themengebiet erfordert, welches man sich ggf. in einem vorangehenden Schritt aneignen muss.

Feinde des kritischen Denkens

Das kritische Denken wird im Alltag durch verschiedene Hindernisse beeinträchtigt. So verhindert beispielsweise Dogmatismus, im Sinne einer starren Anhaftung an bestimmte Überzeugungen oder Ansichten, die offene und flexible Betrachtung von Alternativen. In ähnlicher Weise beeinträchtigen Vorurteile bzw. Stereotype die objektive Beurteilung von Sachverhalten und damit die Fähigkeit zur unvoreingenommenen Analyse. Auch starke Emotionen können unsere Urteilsfähigkeit trüben. Gruppendruck wiederum kann zu Konformitätszwang führen und so eine frühzeitige Aufgabe abweichender Überlegungen nach sich ziehen. Bequemlichkeit führt schließlich zu einer vorschnellen Akzeptanz fragwürdiger Informationsquellen und oberflächlicher Argumente.

Relevanz von kritischem Denken im Digitalzeitalter

Suchmaschinen (z.B. Google, Bing etc.) und soziale Medien (z.B. Facebook, Twitter, Blogs etc.) bieten heutzutage einen schnellen und kostenlosen Zugang zu enormen Datenbeständen, fördern aber gleichzeitig eine Fülle von ungeprüften oder schlicht falschen Informationen (Fake News) zutage. Kritisches Denken in Kombination mit grundlegenden Kompetenzen auf dem Gebiet der IT-gestützten Datenanalyse (Data Science) regt Individuen dazu an und befähigt sie, große Mengen digitaler Informationen gezielt zu filtern und hinsichtlich ihrer Qualität zu evaluieren, um darauf basierend fundierte Entscheidungen bzw. konstruktive Handlungen ableiten zu können. Vor allem aber angesichts der wachsenden Bedeutung von KI-Bots sowohl im Berufs- als auch im Privatleben (z.B. ChatGPT, Copilot etc.) ist kritisches Denken heute wichtiger denn je, insbesondere um die den automatisch generierten Ergebnissen zugrunde liegenden Algorithmen und Quellen zu hinterfragen und allfällige Verzerrungen oder Fehler (KI-Halluzination) zu identifizieren.

Förderung von kritischem Denken

Kritisches Denken kann in Hochschulcurricula beispielsweise in Form interdisziplinärer Seminare oder studentischer Praxisprojekte verankert werden. Außercurriculare Debattierclubs bieten darüber hinaus die Möglichkeit, eigene Positionen im sachlichen Diskurs mit andersdenkenden Personen einer kritischen Prüfung zu unterziehen und ggf. zu adaptieren. Idealerweise sollte kritisches Denken jedoch seitens der Lehrenden auch in herkömmlichen Fachveranstaltungen mittels Vorbildwirkung sowie durch den Einsatz geeigneter didaktischer Methoden gefördert werden. Beispielsweise können Fallstudien und Planspiele Studierende dazu anregen, komplexe praktische Problemstellungen oder Dilemmata sorgfältig zu analysieren und entsprechende Lösungsvorschläge zu entwickeln. Peer Reviews zielen demgegenüber auf die gegenseitige kritische Bewertung studentischer Elaborate ab. Und schließlich lernen Studierende durch das Verfassen schriftlicher Arbeiten (z.B. Aufsätze, Seminararbeiten etc.) u.a. das Recherchieren einschlägiger Wissensquellen sowie das Formulieren nachvollziehbarer Argumentationsstränge.

Eine an Hochschulen aktuell weit verbreitete Befürchtung lautet, dass Studierende künftig ihre Haus- oder Seminararbeiten von KI-Systemen schreiben lassen, ohne dabei eigene Denkleistungen zu erbringen. Wenngleich eine Klarstellung prüfungsrechtlicher Fragen in den Regelwerken der Hochschulen (z.B. Prüfungsordnung, Verhaltenskodex etc.) durchaus sinnvoll erscheint, sind Verbote betreffend die Verwendung von ChatGPT & Co im Studium nicht erstrebenswert. Vielmehr sollten Hochschulen ihren Studierenden v.a. dabei helfen, sowohl die Potenziale als auch die Grenzen und Risiken von KI-Werkzeugen zu verstehen, um so einen reflektierten Einsatz dieser Tools zu fördern (AI-Literacy). Dies könnte beispielsweise so erfolgen, dass man den Studierenden zunächst den von einem KI-Bot zu einem Thema generierten Text präsentiert und die Studierenden diesen Text anschließend in einer schriftlichen Rezension einer kritischen und durch Belege zu untermauernden Würdigung unterziehen.

In der beruflichen Praxis wird kritisches Denken v.a. durch eine Unternehmenskultur gefördert, welche u.a. durch Experimentierfreude, Qualitätsstreben, Veränderungsbereitschaft und häufiges Feedback geprägt ist. Um eine solche Kultur zu etablieren, müssen diese Werte vom (Top-)Management nicht nur in einem Leitbild schriftlich festgehalten, sondern v.a. auch im Arbeitsalltag entsprechend vorgelebt werden.

Verschiedene Werkzeuge können sowohl im Studium als auch in Unternehmen zur Anregung und Unterstützung kritischer Denkvorgänge eingesetzt werden. So. erleichtern etwa Mindmaps die visuelle Organisation von Informationen, mit der 5-Why-Methode sucht man nach der wahren Ursache für ein Problem, Argumentationsbilanzen wiederum fördern die systematische Bewertung alternativer Standpunkte, und die Installation eines Advocatus Diaboli zielt darauf ab, bei Gruppenentscheidungen systematisch Gegenargumente zur einer eventuell zu rasch gefassten Mehrheitsmeinung zu entwickeln.

Fazit

Kritisches Denken im digitalen Zeitalter ist von entscheidender Bedeutung, um in einer zunehmend digitalen und von Information Overload gekennzeichneten Welt orientiert zu bleiben. Die Förderung von kritischem Denken sollte deshalb nicht nur in Bildungseinrichtungen, sondern in allen Organisationen auf der Agenda stehen. Die Entwicklung von kritischem Denkvermögen bei Schülern, Studierenden und Mitarbeitern trägt maßgeblich zur Schaffung einer innovationsfreundlichen, verantwortungsvollen und damit letzten Endes auch zukunftsfähigen Gesellschaft bei.



Literatur:

[1] Gesellschaft für Informatik e.V.: Künstliche Intelligenz in der Bildung. Positionspapier. Berlin 2023. Internet: https://gi.de/meldung/keine-verbote-neues-positionspapier-zu-ki-in-der-bildung [zuletzt geprüft am 10.10.2023].

[2] Kruse, Otto: Kritisches Denken und argumentieren. Eine Einführung für Studierende. Stuttgart 2017: UTB.

[3] Pfister, Jonas (2020): Kritisches Denken. Reclams Universal-Bibliothek. Ditzingen 2020: Reclam.

[4] Pfiffner, Manfred; Sterel, Saskia; Caduff, Claudio: Kritisches Denken und Problemlösen. Grundkompetenzen für lebenslanges Lernen. Bern: 2022: hep.

[5] Ramge, Thomas: Augmented Intelligence. Wie wir mit Daten und KI besser entscheiden. Ditzingen 2020: Reclam

[6] Sieroka, Norman / Otto, Vivianne / Folkers, Gerd: Kritisches Denken in Lehre und Forschung - warum und wie? In: Angewandte Chemie, Jg. 130, Heft 51, 2018, S. 1812 - 1613.

[7] Walter, Paul; Wenzl, Petra: Kritisch denken - treffend argumentieren. Ein Übungsbuch. Wiesbaden 2016: Springer.

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