2021/8 | Fachbeitrag | Digitalisierung

Implosionen im Büro - oder: Was nach dem Homeoffice übrig bleibt

Gehören Sie auch zu den Anhängern flexibler Arbeitsorte und Homeoffice? Arbeiten Sie in Ihrem Unternehmen auch schon seit zehn oder sogar zwanzig Jahren sowohl remote, hybrid und mobil als auch gleichzeitig physisch? Lange Zeit wurde diese Praxis noch etwas belächelt: Wer nicht einmal ein zentrales Office mit Arbeitsplätzen für alle zur Verfügung hatte, galt als unkonventionell. Heute ist es völlig selbstverständlich geworden - wer noch anders arbeitet, hinterlässt unterdessen schon fast einen etwas anachronistischen Beigeschmack...

Bildquelle: (C) elenabsl / AdobeStock

Wir reden seit 15 Monaten von Vor- und Nachteilen dieses Arbeitens. Was vor dem ominösen März 2020 eher Einzelfälle oder Zeichen global-tätiger Firmen oder von Start-up-Unternehmen war, ist seit damals die Regel - zumindest in Beschäftigungen, die überhaupt von zu Hause aus erledigt werden können. Es war ein Segen, dass vor allem Dienstleistungsunternehmen und Stabsabteilungen in der Industrie praktisch weiterhin reibungslos weiter funktionieren konnten. Man hat immer raffiniertere Wege gefunden, über Distanz zu arbeiten. Das hat so gut funktioniert, dass es schon fast unbestritten ist, dass dieses Setting der Arbeit auch in Zukunft ein wichtiger Bestandteil bleibt.

Hybride Arbeitsweisen und die dramatischen Folgen

So weit so gut - wirklich? Nein! Denn selbst die Anhänger solcher hybriden Arbeitsweisen nehmen nun immer mehr eine kritische Haltung ein. Einerseits machen uns die Fakten von Forschungen unmissverständlich sichtbar, dass wir in den letzten Monaten ein Problem in der zwischenmenschlichen Kommunikation hatten. Eine Studie der BARMER und der Universität St. Gallen unter der Leitung des Gesundheitsforschers Stephan Böhm zeigt, welche teilweise dramatischen Folgen das hat und wie sich der oft auch falsche Umgang mit Homeoffice auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden auswirkt.

Die Art und Weise der Kommunikation hat sich massiv verändert. Größtenteils ist das persönliche Gespräch auf eine Kommunikation per E-Mail, Kurznachrichten, Videokonferenzen oder Telefongespräche verlagert worden. Auch das ist per se noch nicht schlecht, solange man bewusst auch Wege gefunden hat, das Zwischenmenschliche zu pflegen. Denn genau das bildet die Grundlage für soziale Beziehungen und schlussendlich für des Wohlbefindens. Ersetzen lassen sich persönliche Begegnungen zwar ohnehin nicht, zumindest aber die negativen Auswirkungen der reinen Online-Kommunikation und der Remote-Arbeit abschwächen. Das ist auch dringend notwendig, denn jedem Dritten fehlt die Gesellschaft, jeder Vierte fühlt sich isoliert. Anlass zur Sorge muss vor allem die Tatsache geben, dass Umfragen im Rahmen dieser Studien zeigen, dass sich die Tendenz im Vergleich zum Sommer 2020 nochmals verstärkt hat.

Eklatante Bewegung zurück zu "Physis"

Das bedeutet in logischer Konsequenz im Unternehmen: Pflegen Sie die Kommunikation in Zeiten der Homeoffice-Phase sehr bewusst und trotz allem abwechslungsreich und persönlich. Gleichzeitig lässt sich in den letzten Wochen beobachten, dass hier und da Entscheidendes passiert: Die Homeoffice-Pflicht ist vielerorts kurz vor der Auflösung und gerade in der Schweiz ist in dieser Zeit die Bewegung zu "Physis" eklatant. In manchen Unternehmen kann die Rückkehr zum Echten, zum persönlichen Miteinander gar nicht schnell genug gehen. Die Menschen haben sich vermisst, man trifft sich wieder. Und wir erleben mitunter herzberührende Szenen in Firmen, in denen sich die Mitarbeitenden nach zwölf Monaten erstmals wieder im Büro treffen - von Angesicht zu Angesicht, ohne dazwischen geschalteten Bildschirm, in 3D-Qualität, leibhaftig und hautnah.

Doch die Rückkehr zur ganz klassischen interpersonellen Kommunikation kann auch ihre Tücken haben. So erlebte es kürzlich erst eine Kadermitarbeiterin und ausgewiesene Fachkraft, die im November ihren Dienst in einem großen Unternehmen angetreten hatte. Bis in den April hatte sie noch nie persönlichen Kontakt zu irgendeinem Teammitglieder oder zu ihrer Chefin. Jeder Kontakt, jeder Austausch und jedes Gespräch hatten sich im digitalen Raum abgespielt. Kurz nach dem ersten Zusammentreffen mit Kollegen und Vorgesetzten im "echten" Umfeld zeigte sich, dass es ihr schwerfiel, in dem Team und in dem Betrieb anzukommen. Sie fühlte sich schlichtweg nicht in der Lage, den Transfer aus dem Remote-Zustand in die analoge Welt zu leisten. Das Unternehmen begegnete ihrem Anliegen mit einer Art der Ignoranz, die für sie untragbar war. Also kündigte sie ihre Anstellung.

Die Tücken der interpersonellen Kommunikation

Das ist möglicherweise ein Einzelfall. Trotzdem sollte es uns nicht nur zu denken geben, sondern sogar Sorgen bereiten. Denn egal wo und wie: Es wird die Zeit kommen, in der sich die Leute wieder persönlich antreffen. Nach der anfänglichen und gut zu beobachtenden Euphorie geschieht das, was in der Gruppendynamik eben oft passiert: nach der Phase von "Reforming" folgt das "Storming". Die Menschen im Unternehmen, im Team, in der Abteilung spüren, dass man sich schlichtweg auseinandergelebt hat. Plötzlich werden auch Vorwürfe formuliert, die man vorher nicht aussprechen oder artikulieren konnte - oder wollte. Viele fühlen sich ungleich oder unfair behandelt, die oft nicht funktionierenden Prozesse werden einem Schuldigen zugeteilt. Jetzt keimen Konflikte auf, die in den letzten Monaten unter dem Deckel der remoten Arbeit reifen konnten.

Nun ist es wie im Straßenverkehr: Man kann das Autofahren gut finden und befürworten, doch dann sollte man es beherrschen. Dazu gehört es eben auch, die Gefahren zu kennen. Auch die Arbeit im Homeoffice kann man als etwas Gutes erachten. Gleichzeitig sollte man es beherrschen und die Risiken im Griff haben. In der derzeitigen Übergangszeit lässt sich mancherorts in den Unternehmen eine förmliche Implosion der remoten Zeiten erleben. Da gilt es, die darauffolgende Zeit rechtzeitig und vor allem professionell zu kalibrieren. Das bedeutet gerade für Unternehmer und Führungskräfte, dass sie bewusst diese neue Zeit anzugehen haben, alles an aufkommenden, gereiften und auch niederschwelligen Konflikten aufzuarbeiten und die Mannschaften neu einzunorden und zu justieren, manchmal sogar neu aufzustellen. Das wäre der kluge Weg.

Drehen Sie das Rad bitte nicht zurück!

Es eröffnen sich jedoch auch andere Möglichkeiten. Tendieren Sie eher zu radikalen Ansätzen? Dann könnten Sie sofort wieder Homeoffice einführen, damit wieder alles so läuft, wie in den letzten Monaten. Diese Strategie kann gut gehen, muss aber nicht. Oder Sie verbietet das Homeoffice-Arbeiten schlichtweg wieder, auch das passiert bereits in ersten Unternehmen. Die Hoffnung, dass Sie als Chef Ihre "Schäfchen" wieder persönlich "an die Zügel" nehmen können (übrigens ein Original-Zitat eines Unternehmers) ist wohl auch nicht das zeitgemäße Rezept. Denn beiden gemein ist: Sie drehen das Rad zurück. In dem einen Fall um vier Wochen, im anderen um 15 Monate.

Übergangszeiten sind in jedem Changeprozess anspruchsvolle Zeiten. Es sind einerseits Sollbruchstellen im Arbeitsklima und sie bieten andererseits auch Möglichkeiten, die neue Zeit bewusst anzugehen, zu regeln und die Kommunikationskultur nicht sich selbst zu überlassen. Wenn es implodiert, erodiert es - und am Schluss ist nichts mehr Schlaues da.


Der Autor:

Stefan Häseli ist Kommunikationstrainer, Keynote-Speaker, Moderator und Autor mehrerer Bücher. Er betreibt ein Trainingsunternehmen in der Schweiz. Der Kommunikationsexperte begleitet seit Jahren zahlreiche Unternehmen bis in die höchsten Vorstände von multinationalen Konzernen. Er doziert an Universitäten und Fachhochschulen im Themenfeld Kommunikation. Als Experte nimmt er im Radio und TV-Stationen immer dann Stellung, wenn Kommunikation irgendwo auf der Welt gerade eine entscheidende Rolle spiel, wie beispielsweise die ersten Wochen "Donald Trump" oder der Blick auf das Kommunikationsverhalten von Boris Johnson.

Web: https://stefan-haeseli.com/

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

New Work: Neue Arbeitskultur braucht begleitenden Kompetenzaufbau

Vor Corona war es ein Buzz Word. Nun wird es ernst. In der Pandemie waren fast alle Schreibtisch- und Wissensarbeiter im Homeoffice. Während es einige gar nicht erwarten können, wieder ins Büro zu gehen, will vor allem die Generationen Y weiterhin zuhause und mobil arbeiten. Die neue zeitliche und räumliche Flexibilität ist zusammen mit agiler Projektarbeit, flachen Hierarchien und Reduktion der ...

Weiterlesen

5 Fakten, die für Business Messenger sprechen

Dezentrales Arbeiten ist zwar (noch) kein Standard in Unternehmen, aber weitaus mehr als eine Ausnahme. Ein elementarer Faktor, den diese Arbeitsform neu prägt, ist die interne Kommunikation. Trotz aller Flexibilität von New Work: Ein hohes Nachrichtenaufkommen und unterschiedlichste Kommunikationstools erschweren es Kollegen, Informationen zu überblicken. Hinzu kommt die Herausforderung, mobile A...

Weiterlesen

7 kognitive Verzerrungen, die Change-Projekte blockieren

WISSENplus
Wandel kollidiert oft mit den Beharrungstendenzen der Menschen. Scheinbar unverrückbare Glaubenssätze - unsere geistigen Filterblasen - hemmen uns, Neues zu wagen. Zudem spielen uns kognitive Verzerrungen gern einen Streich. Aber wie lässt sich das verhindern? Und wie gelingt es, sich für Veränderungen zu öffnen?...

Weiterlesen

Smarte Projektplanung ohne PC

Beim Planen komplexer Projekte gilt es meist, viele Bereiche und Menschen mit teils unterschiedlichen Interessen zu integrieren. Einfach und für alle anschaulich gelingt dies mit der Roadmap-Methode, bei der statt mit Laptops und PCs mit ein paar Tapetenbahnen und Tischkärtchen gearbeitet wird....

Weiterlesen

Business-Acting: Auf der Suche nach Leadern von morgen

WISSENplus
Angehende Führungskräfte in Assessment-Rollenspielen unter die Lupe zu nehmen, um deren Qualifikationen für eine mögliche Einstellung oder neue Führungsrolle herauszufiltern, gehört zur alten Schule. Rhetoriktrainer Peter Flume rät jedoch zur Modifizierung der klassischen Herangehensweise und stellt das "Assessment-Center 4.0" vor. Schlüssel dieser kreativen Methode zur Personeneinsc...

Weiterlesen

Studie: Wie wirkt sich Corona auf die Wissensarbeit aus?

WISSENplus
Die Art und Weise, wie wir arbeiten, hat sich durch die Pandemie gänzlich verändert: Seit mehr als einem Jahr sind Küchentische, Sofas und Hobbyräume vielerorts die neuen "Arbeitsplätze". Auch der tägliche Austausch mit Kollegen sowie Team-Events finden fast ausschließlich online statt. Zwar scheinen sich die Arbeitnehmer in Deutschland inzwischen an diese "neue Normalität"...

Weiterlesen

Ein echter Leader werden

WISSENplus
Wirksame Leader erachten Stillstand als Rückschritt. Sie sind zudem überzeugt: Alles kann man optimieren - auch das eigene Führungsverhalten. Diesen Mindset vermitteln sie auch ihren Mitarbeitern. ...

Weiterlesen