2021/3 | | Leadership

Erfolgreiche Zusammenarbeit: Wie die Teamkultur von der Luftfahrt profitieren kann

Der Motor des Flugzeuges fällt aus, die Maschine befindet sich in 800 Metern Höhe im Gleitflug: Als sich Pilot Peter Flume Ende 2019 in einer gefährlichen Extremsituation befindet, bewahrt er Ruhe, vertraut auf sein eigenes Können, sowie das der Controller, und landet das Flugzeug sicher. Aus diesem Ereignis, wie auch aus der Fliegerei im Gesamten, lassen sich für Flume einige Tipps und Tricks für eine gelingende Zusammenarbeit ableiten. "Ich will die?Möglichkeit?geben, Teamverhalten aus einer anderen Perspektive zu reflektieren und Strategien zu entwickeln, die dabei helfen, im Beruf "many happy landings" zu erleben", so der Rhetoriktrainer zum zugehörigen Buch "Entscheiden und Handeln in der VUKA-Welt", das seit Dezember überall verkäuflich ist. Was für ein funktionierendes Team essenziell ist und, wie die Teamkultur von der Luftfahrt profitieren kann, erklärt Flume.

Bildquelle: mohamed Hassan / Pixabay

Vertrauen, Wertschätzung und Zusammenhalt

Das Gute ist: in einem echten Team weiß jeder, dass sein Beitrag geschätzt wird. Dadurch entwickelt sich ein Zusammenhalt innerhalb des Teams, der dabei hilft, "den Alltag - sowie auch Krisen - gemeinsam zu stemmen", so Flume. In der Luftfahrt zeigte sich, dass die Zahl schwerer Unfälle trotz immer besserer Technik über viele Jahre hinweg nicht abnahm. Hintergrund dafür war, dass die Hierarchie im Cockpit dafür sorgte, dass Hinweise der Co-Piloten oft nicht beachtet wurden und es dadurch zu fatalen Fehlern kam. Mit der Einführung des Crew Ressource Management begann sich die Situation zu verändern. Denn, seitdem werden Beiträge von allen Crew-Mitgliedern, ob Co-Pilot, Stewardess oder Purser gehört und bei der Entscheidungsfindung einbezogen. Obwohl der Captain letztlich die Verantwortung trägt, weiß jeder im Team, dass sein Beitrag für das gemeinsame Team-Ziel einer sicheren Flugdurchführung wichtig ist.

"Wenn jeder seine Kompetenz richtig einsetzt können auch schwierige Aufgaben gestemmt werden", sagt Flume. Und das Teamwork nicht nur auf das eigene Team beschränkt betrachtet werden kann, sondern auch über Team-, Abteilungs- und Bereichsgrenzen hinausgeht, sieht man an seinem Beispiel. So dankt er die geglückte Notlandung nicht nur seiner eigenen Kompetenz, sondern auch einer glattlaufenden Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern im Tower. Als der geborene Nürtinger seine Situation der Crew des Züricher Flughafens schildert, wird kurzerhand der Flugverkehr gestoppt, die Bahn für die Landung vorbereitet und ein Notfallteam erwartete den 55-Jährigen auf dem Landefeld.

Kommunikation und Motivation

"Kommunikation ist ein entscheidender Faktor", weiß Flume. In einer Studie der Luftfahrt konnte nachgewiesen werden, dass Interaktion innerhalb des Cockpits Einfluss auf die Performance der Crew hat. "Crews, die weniger miteinander sprachen, wiesen eine größere Fehlerhäufigkeit auf. Außerdem zeigte die Studie, dass kommunizierende Crews durch die ständigen Situationsupdates besser mit schwierigen Situationen umgehen konnten", sagt Flume. Für eine gute Übersicht der Situation kommt es daher zu 35 Updates pro Minute innerhalb des Teams. Ein Extrembeispiel stellt der Fall der United Airlines 232 dar: nach der Explosion des mittleren Triebwerks und dem einhergehenden Ausfall des Hydraulik Systems bringt die Crew die fast unsteuerbare Maschine erfolgreich zu Boden. Dabei zählte das System 60 Updates pro Minute.

"Ebenso ist im Business eine klare, regelmäßige Kommunikation Voraussetzung für einen funktionierenden Alltag - und auch für Konfliktlösungen. "Durch eindeutige Aussagen, regelmäßige Situationsupdates und Vertrauen in die unterschiedlichen Kompetenzen kann ein Projekt im Team reibungslos bearbeitet werden", so Flume, der diese Aspekte auch in der agilen Projektarbeit wiederfindet. Wo es noch Schwierigkeiten gibt oder Fehler gemacht werden, sollten diese offen durch konstruktives Feedback angesprochen werden. Auch hierfür gibt es in der Luftfahrt mit der sogenannten "Just-Culture" ein vorbildliches Modell, welches dazu führt, dass über Fehler offen gesprochen und aus diesen gelernt wird. Ebenso ist Lob in den passenden Situationen angebracht. So hat Flume nach seiner Notlandung den Kontakt mit der Fluglotsin gesucht, um sich für die Hilfe zu bedanken. "Zeigen Sie ihrem Team Wertschätzung für Erfolge. Das fördert den Spirit und die Motivation", rät Flume.

Erfahrung und Training

"Routinen können retten", weiß Flume nach seiner Notlandung. 17 Jahre lang fliegt er ohne große Vorfälle. "Ich konnte in der Extremlage schnell und sachlich handeln, da ich jahrelange Erfahrung hatte und für?Notfälle in regelmäßigen Weiterbildungen geschult wurde". So rät Flume zu regelmäßigen Weiterbildungen. Neues Wissen führt zu produktiven Lösungen und neuen Anregungen, die die Routinen auffrischen. "Dann funktioniert nicht nur der Alltag besser, auch in Krisensituationen, sowie der momentanen Pandemie, kann das Team so auf den eigenen Kenntnissen aufbauen, die ihnen dabei helfen die Situation erfolgreich zu meistern." Hinzu kommt, dass der gemeinsame Besuch von Weiterbildungen dazu führt, dass sich die einzelnen Mitglieder des Teams besser mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen kennenlernen und so das Vertrauen aufeinander aufbauen, welches Ihnen in angespannten Lagen hilft. So auch in der Fliegerei: Bei Weiterbildungen von Controllern zum Umgang mit Notlagen sind immer auch aktive Piloten dabei, die ihre Erfahrungen aus dem Blickwinkel des Cockpits mit einbringen. Dies hilft im Falle eines Notfalles besser zu verstehen wie der andere reagiert, bzw. hilft dessen Reaktionen sogar zu antizipieren.

In der Fliegerei ist es wichtig, immer vorausschauend zu handeln. "Die zugehörige Maxime lautet: Stay ahead of the aircraft", weiß der Pilot. Ebenso im Business: Durch Weiterbildungen angeregter Austausch und neue Erkenntnisse helfen der Arbeitsgemeinschaft auch im "Notfall" handlungsfähig zu bleiben und der Situation einen Schritt voraus zu sein. Ganz nach dem Motto "Stay ahead of your business".

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