2012/8 | Kolumne | Kolumne

Ein Lebensraum für Wissensmanagement?

von Gabriele Vollmar

Erinnern Sie sich noch an die Kolumne zu „Wissensmanagement im Biotop“? Oder waren Sie beim diesjährigen Knowledge Camp der GfWM in Karlsruhe? Falls nicht, haben Sie zwei spannende, äußerst diskussionsfreudige und anregende Tage verpasst. Ein bisschen nachholen können Sie via Live Streams sowie Wiki-Beiträgen und Blogs der Teilnehmer, zu finden unter http://knowledgecamp.mixxt.org.

Aber zurück zu dieser Kolumne! In einer Session zur „Zukunft des Wissensmanagements“ habe ich in Karlsruhe die Biotop-These aus den Kolumnen (2/2012 und 3/2012) nochmals aufgegriffen: Wissensmanagement ist in vielen Organisationen, nach der ersten Implementierungswelle und -euphorie, in einer kleinen (vernachlässigten) Nische angesiedelt, wo zwar einige Wissensmanager mehr schlecht als recht überleben, von wo aus das Thema aber nicht wirkungsvoll in die Gesamtorganisation getragen wird.

Beim Knowledge Camp und den dort anwesenden WMEngagierten hat dieses Bild aus der Biologie kontroverse Diskussionen und anregende Gedankenspiele provoziert: Den Vertretern der Ökonischen-These (Wissensmanagement = nett, aber wirkungslos) standen die Vertreter der Habitat-These gegenüber. Letztere entwickelten den schönen und Mut machenden Gedanken, dass Wissensmanagement es durchaus geschafft habe, sich in den letzten Jahren erfolgreich in einem Habitat einzurichten. Ein Habitat ist laut Wikipedia eine Lebensstätte oder ein Lebensraum einer bestimmten Tier- oder Pflanzenart, aber auch einer Gemeinschaft. Ich denke, dieses Bild des Habitats drückt aus, dass Wissensmanagement in der Organisation gewissermaßen angekommen ist und dort mittlerweile förderliche Rahmenbedingungen entweder vorfindet oder selbst geschaffen hat. Es drückt aus, dass der schiere Kampf ums Überleben qua wiederholter oder gar dauerhafter, mehr oder weniger verzweifelter Legitimierung so nicht mehr stattfinden muss. Wissensmanagement wird nicht mehr ständig in Frage gestellt. Es darf sein – zumindest in seinem Lebensraum.

Vielleicht in der Tat ein wichtiger erster Schritt. Dem aber ein zweiter folgen muss. Um es mit den Worten eines der engagierten Teilnehmer an dieser Runde auszudrücken: „In unserem Habitat sind wir richtig gut. Wir müssen unseren Lebensraum auch nicht verlassen, aber Wissensmanagement muss zeigen, wie wichtig und wertvoll genau dieses Habitat für das Gesamt- Ökosystem der restlichen Organisation ist.“ Damit das Habitat eben genau nicht zur bloß geduldeten ökologischen Nische wird.

Ein anregender Gedanke, oder? Die gesamte Diskussion können Sie übrigens im Live Stream nachverfolgen: http://knowledgecamp.mixxt.org (man kann es gar nicht oft genug erwähnen).

Und wenn Sie nun auch neugierig auf die weiteren kleinen Provokationen meines „Vortrags“ sind, hier sind sie:

  • Wissensmanagement muss sich auflösen.
  • Eine Lernende Organisation braucht keinen Wissensmanager.
  • Wissensmanagement ist ja so anders – und will’s doch nicht sein.
  • Wissensmanagement denkt zu wenig strategisch und innovativ.
  • Wissensmanagement steckt in der Quantitätenfalle – selber schuld
  • … und macht sich darin selber klein.

Ich will Ihnen nun auch nicht das Fazit vorenthalten (nicht der Diskussion, aber meiner Folien): Nichtsdestotrotz! In diesem Sinne.

Ihre Gabriele Vollmar

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Ich lerne, du lernst, wir lernen, es lernt ...

Bei einem der Wissensmanagement-Masterstudiengänge, bei denen ich unterrichte, werden die Teilnehmer zu Beginn des ersten Lerntaktes gebeten, ihre Motivation hinsichtlich des Themas Wissensmanagement vor dem Hintergrund ihres konkreten beruflichen Kontextes darzustellen. Vor kurzem war es mit einem neuen Jahrgang mal wieder soweit. Bei Durchsicht der Einreichungen fiel mir auf, dass in diesem Jahr so etwas...

Weiterlesen

Und plötzlich funktioniert es nicht mehr

Während unseres Urlaubs in Botswana dieses Jahr haben meine Tochter und ich einen so genannten bush walk gemacht. D.h. wir waren in einer kleinen Gruppe mit Wildführer im Okavango-Delta unterwegs, und zwar – entsprechend der vor dem Aufbruch klar formulierten Regeln – in einer Reihe, einer hinter dem anderen, ohne zu sprechen und ohne stehenzubleiben, sofern nicht der Guide stehen bleibt, um etwas zu ...

Weiterlesen

Schön zu wissen

Haben Sie schon einmal vom CNSilk Projekt gehört? Hier haben Forscher des MIT Seidenraupen gewissermaßen als 3-D-Drucker eingesetzt. Herausgekommen ist eine riesige Seidenkuppel, die man vor allem mit einem Wort beschreiben kann: schön. Oder vom Föhr Reef? Einem riesigen gehäkelten Korallenriff. Dabei wurde die alte Fertigkeit des Häkelns mit Erkenntnissen der Mathematik, Biologie und Ökologie kombin...

Weiterlesen

Wissensmanagement – was kommt danach?

„Enterprise 2.0 hat Wissensmanagement abgelöst.“ Soweit eine Aussage auf einem Symposium im vergangenen Jahr. Eine Aussage, über die das Fachteam der Gesellschaft für Wissensmanagement e.V. (GfWM) gestolpert ist und die uns nachdenklich gemacht hat: Wie kommt es zu einer solchen Aussage? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Enterprise 2.0 und Wissensmanagement, wenn man denn der Aussage nicht zustim...

Weiterlesen

Wiki und die starken Männer

In der letzten Kolumne haben wir uns, angeregt durch einen Vortrag von Richard Sennett (und zugegebenermaßen dem Teenie-Film „La Boum“), mit der Hypothese auseinandergesetzt, dass Hierarchie in Organisationen eine zerstörerische Wirkung entfalten und zur Verschwendung von Wissen führen kann. Ich möchte nun gerne an diese Überlegungen dort anknüpfen, wo ich Sie das letzte Mal „über der Klip...

Weiterlesen

Der eine hat Visionen, der andere leidet

Beim letzten GfWM Regionaltreffen in Stuttgart hat einer unserer Teilnehmer über ein leider gar nicht so unübliches Wissensmanagement-Projekt in einem größeren Unternehmen gesprochen. Eine deprimierende Geschichte, fürchte ich: Das Unternehmen, ein durchaus innovatives Unternehmen (wenn es auch in den letzten Jahren hinter den Wettbewerb zurück gefallen ist) in einem Hochtechnologiebereich, hat vor ei...

Weiterlesen

Einstiegsdroge oder Sackgasse?

In den vergangenen Monaten fragten Unternehmen bei mir verstärkt Unterstützung zum Thema „persönliches Wissensmanagement" an, in der Regel in Form einer kleinen internen Weiterbildung für die Mitarbeiter. Sicherlich spielt hierbei der individuelle Leidensdruck der Mitarbeiter hinsichtlich Information Overload und die gestiegenen Ansprüche an die Effizienz der eigenen Wissensarbeit eine Rolle....

Weiterlesen

Achtung! Alter Hut!

Wenn Sie keine Lust haben – mal wieder – über eine Definition von Wissensmanagement nachzudenken, dann blättern Sie jetzt rasch weiter! Ich selbst war kürzlich gefordert, mich wieder einmal mit der Fragestellung „Wie erkläre ich einem Neuling im Thema, in aller Kürze und Prägnanz, was Wissensmanagement eigentlich bezeichnet, ohne ihn abzuschrecken?“ konfrontiert. Wissensmanagement im elevato...

Weiterlesen