2020/8 | Fachbeitrag | Digitalisierung

Digitalisierung: Out-of-the-Box handeln, statt visionieren

von Torben Belz, Dr. Imme Gerke

Inhaltsübersicht:

Die Corona-Krise hat eins gezeigt - wie wichtig eine vernetzte Welt ist. Was seit Jahren in aller Munde ist, bekam nun einen enormen Schub: die Rede ist von der digitalen Transformation. Durch Social Distancing, Homeoffice und geschlossene Geschäfte sind Dienste wie Office 365, Skype, Slack und Co. von Nebenakteuren der täglichen Kommunikation zu Protagonisten aufgestiegen. Allerdings kämpft Deutschland - mit Handynetzen, die Gesprächspartner mal gut und mal schlecht wiedergeben, mit Netzverbindungen, bei denen die Videokonferenz in Einzelstandbildern verläuft, oder mit großen Datenmengen, die ewig von Sender zu Empfänger benötigen. "Auch wenn sich Länder oder Kontinente wie die USA, China oder Deutschland gern rühmen, die Vorreiter in Sachen IT oder Digitalisierung zu sein, stimmt das in der Tat nur bedingt", weiß Torben Belz, Geschäftsführer der PLUTEX GmbH und erläutert: "Tatsache ist: Wenn wir uns beim Thema Digitalisierung nicht von unseren hohen Rössern herunter bewegen und Out-of-the-Box handeln, statt zu visionieren, werden uns andere Nationen abhängen, beziehungsweise haben das schon getan." Als Rechenzentrum und Service Provider unterstützt der Bremer Experte für Infrastrukturen Unternehmen dabei, digital souverän zu arbeiten.

Andere Länder – andere Herausforderungen

Eine, die diesem Gedanken zustimmt und sich über die digitale Entwicklung in Deutschland wundert, ist Dr. Imme Gerke. Die Naturwissenschaftlerin hat jahrelang in Afrika gearbeitet, gelebt und die Entwicklung der Länder mit erstaunlichen Erkenntnissen beobachtet. In ihrer Rolle als Cross-Culture-Individual führt sie Firmen und Regierungen über nationale Grenzen hinweg zur Zusammenarbeit. "Afrika ist kein Kontinent des Redens und der theoretischen Entwicklung. Hier wird praktisch gehandelt, das gilt auch für die Entwicklung und den Einsatz von IT-Strukturen und Telekommunikation. Aktiv statt passiv, neugierig statt ängstlich - darin unterscheidet sich Afrika sehr von Deutschland", erklärt sie. Bis 1989 sah die technologische Situation noch ganz anders aus. So konnte der Kontinent nicht am Weltgeschehen teilnehmen, wurde in globalen Entscheidungen übergangen und hatte keine Chance, in der internationalen Preispolitik mitzureden. "Grund war die Telekommunikationsinfrastruktur, die de facto nicht existent war", bemerkt Dr. Gerke. Die in der Kolonialzeit aufgebauten Infrastrukturen wurden nach Ende 1960 nicht weiter ausgebaut oder aufrechterhalten. Hinzu kam eine flächendeckende Demontage, wenn Leitungen kaputt waren, um diese anderweitig einzusetzen. "Hier zeigt sich schon der Pioniergeist: Die Bevölkerung wusste die Rohstoffe der desolaten Infrastruktur sinnvoll für andere Dinge zu nutzen. In Afrika war die Digitalisierung keine Herausforderung, sondern die Lösung der bisherigen Probleme."

Eigene Wege finden

Statt bei alten Techniken zu bleiben, entwickelte man in Afrika individuelle Lösungen, die sich an der Bevölkerung, der Geographie und den Notwendigkeiten orientieren. "So gibt es in Afrika flächendeckend Sendemasten. In den entlegensten Regionen dieses Kontinents haben Nutzer besseren Empfang als in manchen Ecken von Berlin", erklärt Dr. Gerke. Es wird alles über das Smartphone erledigt. Teile des Kontinents nutzen bereits seit fünf Jahren Mobile Payment, was hierzulande erst seit zwei Jahren bekannter und längst nicht von allen Menschen gut angenommen wird. Da die medizinische Versorgung ebenfalls eine Herausforderung darstellt, wird auf Digitalisierung gesetzt. "Hier zeigt sich auch, wie unterschiedlich die Stellung eines Smartphones in Deutschland und Afrika ist. In Deutschland wird viel Geld für Smartphones ausgegeben, allerdings kaufen die Deutschen teure Geräte eher aufgrund des Prestigewunsches. In Afrika hingegen ist die Investition in ein HighPerformance-Smartphone eine Investition ins Leben, eine Notwendigkeit, um den Beruf auszuüben, Geld zu verdienen und eine gesicherte Zukunft zu haben." Nicht jedes Dorf hat ein Krankenhaus oder gar einen Arzt. Sogenannte Clinical Officer übernehmen die Untersuchung vor Ort und arbeiten mit Fotos und Videos und sogar Ultraschall, um diese Aufnahmen digital an einen Arzt zur Diagnose zu schicken. Medikamente und andere Güter liefern Drohnen, die sich selbst via GPS in die Dörfer orientieren.

Technischer ist gleich individueller

"Noch immer stemmen sich Menschen in Deutschland gegen die Digitalisierung", weiß Torben Belz und ergänzt: "Das betrifft nicht nur Menschen im privaten Bereich, auch Unternehmen sind in der Vergangenheit zögerlich gewesen, digitale Strukturen auszubauen. Zum Teil aus Angst vor Kosten und davor, von der Generation Z im Verständnis der Technologien abgehängt zu werden, zum Teil aber auch aus Misstrauen gegenüber der Digitalisierung und der Befürchtung, dass der gesteigerte Einsatz von digitalen Prozessen Individualität zerstören und aus der Menschheit seelenlose Technik-Zombies machen könnte." Dabei übersehen diese Kritiker, welche Möglichkeiten die Digitalisierung zur größtmöglichen Individualisierung darstellt. Dr. Gerke verdeutlicht: "Das Lernsystem in Afrika sattelt um auf die Arbeit mit dem PC oder Tablet. Je nach Lerntyp stehen unterschiedliche Programme und Stufen zur Verfügung. So kann jeder Schüler sehr individuell lernen. Denn das Problem ist doch, dass es nicht nur unterschiedliche Lern- sondern auch Lehrtypen gibt. Passen beide nicht zusammen, ist es unmöglich optimale Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen zu bieten. Hier bleibt viel Potenzial auf der Strecke, das sich später im Fachkräftemangel widerspiegelt - und das vor allem in Deutschland."

Weg von der Entwicklung hin zu Umsetzung

Diese Gefahr sieht auch Torben Belz: "Es wurde lange genug gedacht, entwickelt und visioniert. Jetzt gilt es die digitalen Möglichkeiten auch wirklich zu realisieren und einzusetzen. Gerade der Ausnahmezustand in der Corona-Krise zeigt, wie sehr wir der Digitalisierung hinterherhinken und wie analog viele Dinge noch erfolgen. Ganz soll das natürlich nicht aufhören, denn: nichts ersetzt reale Zusammentreffen und Begegnungen. Doch zeigen vermeintlich 'schwächere' Länder oder Kontinente wie Afrika, dass die Diversität an Einsatzmöglichkeiten schier unbegrenzt ist." Hier sind die USA und China Deutschland übrigens in einem weit voraus. Sie haben das Potenzial des afrikanischen Kontinents als Wirtschaftspartner und Digitalisierungsexperte erkannt und begegnen ihm auf Augenhöhe. China sieht Afrika als Partner, den sie brauchen, um ihre Zukunft zu sichern. Deutschland dagegen sieht Afrika nach wie vor eher als unsicher und hilfsbedürftig an. Während die USA und China mit Afrika schon rege Geschäftsbeziehungen pflegen, suchen deutsche Firmen, ganz nach dem deutschen Credo der Sicherheit und Beständigkeit, nach Partnern in Deutschland. Dadurch gehen der deutschen Wirtschaft jede Menge Geschäftsmöglichkeiten verloren, die von anderen natürlich gern übernommen werden

 

 

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Mit KI fit für die Zukunft: Wie intelligentes Dokumenten- und Wissensmanagement Prozesse optimiert und Mitarbeiter entlastet

WISSENplus
Immer mehr Unternehmen setzen künstliche Intelligenz ein. Laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom nutzt etwa jedes dritte deutsche Unternehmen (36 Prozent) bereits KI-Anwendungen. Zudem plant oder diskutiert fast jeder zweite Betrieb (47 Prozent) den KI-Einsatz. Doch die Nutzung ist derzeit noch sehr punktuell und fällt vor allem in die Bereiche Kundenkontakt (88 Prozent) sowie Marketing und K...

Weiterlesen

Drei Szenarien für das Digital Office

WISSENplus
Gerade zu Beginn der Corona-Krise gab es eine hohe Nachfrage nach cloudbasierten Digital-Office-Lösungen. Denn der Großteil an Unternehmen musste aus der Not heraus schnell neue Arbeits- und Kommunikationsweisen etablieren. Laut einer Sonderauswertung des Bitkom-ifo-Digitalindexes arbeiteten im April diesen Jahres 75 Prozent aller Unternehmen von zu Hause aus - in der Informations- und Kommunikatio...

Weiterlesen

Mit GenAI gegen den demografischen Wandel?

WISSENplus
Wenn erfahrene Teammitglieder das Unternehmen verlassen - altersbedingt oder durch einen Jobwechsel -, droht erfolgsentscheidendes Fachwissen verloren zu gehen. Eine geeignete, KI-basierte Wissensstrategie bietet Organisationen die Chance, Spezialkenntnisse systematisch zu erfassen, kontextbezogen verfügbar zu machen und Mitarbeitenden wertvolle Unterstützung an die Hand zu geben. ...

Weiterlesen

Wenn aus Abfall Daten werden

Aus den Augen, aus dem Sinn - so geht es vermutlich vielen Leuten beim Thema Abfall. Für die Münchner MARTIN GmbH geht der Job dann aber erst los. Seit über 100 Jahren baut das Unternehmen thermische Abfallbehandlungsanlagen zur Energiegewinnung. Und neuerdings auch mit hochmoderner IoT-Datenauswertung. Um etwa den Zustand der Anlagen oder die Ausschüttung von Emissionen zu überprüfen, kommt mittlerwi...

Weiterlesen

Die Cloud – das (fast) perfekte KI-Paradies

WISSENplus
Künstliche Intelligenz findet vor allem in der Cloud statt. Die Sprachmodelle generativer KI werden dort gehostet, der Zugang erfolgt in der Regel über Cloud-Services. Dieses Konzept stößt allerdings da an seine Grenzen, wo strenge Governance- und Compliance-Richtlinien ins Spiel kommen. Die professionelle Nutzung von KI muss daher eingebettet sein in ein Gesamtkonzept, das Sicherheit und Rechtskon...

Weiterlesen

Ressortübergreifende Zusammenarbeit: Kollaboration in der Verwaltung

WISSENplus
In einer Zeit, die von grundlegenden technologischen Transformationen und neuen geopolitischen Rahmenbedingungen geprägt ist, steht der öffentliche Sektor vor der Herausforderung, zunehmend komplexe Prozesse und Maßnahmen effektiv umzusetzen und dabei Informationssicherheits- und Datenschutzstandards einzuhalten. Die Zusammenarbeit über Ressort- bzw. Behördengrenzen hinweg unterliegt besonderen An...

Weiterlesen

Was kann Microsoft Teams leisten? Ein Überblick!

Microsoft Teams, der Nachfolger von Skype for Business, gehört zu den beliebtesten und am weitesten verbreiten Werkzeug für berufliche Kommunikation und Zusammenarbeit. Es bietet Unternehmen zahlreiche Kollaborationsmöglichkeiten - und zwar unabhängig davon, ob sie das Tool on-premise oder webbasiert nutzen. Auch mobil können Sie damit auf Ihre Daten, Dokumente und Gesprächsverläufe zugreifen. Doch ...

Weiterlesen

Das Büro der Zukunft

WISSENplus
Remote Work, Home Schooling, Versorgungsengpässe - das Jahr 2020 hat viele Unternehmen an die Belastungsgrenze gebracht. Eine besonders große Herausforderung stellte das mobile Arbeiten dar. Aber die bisherige Bilanz sieht größtenteils gut aus: Aus der Notwendigkeit heraus, eine Business Continuity zu gewährleisten, haben viele Unternehmen in kürzester Zeit enorme Fortschritte gemacht. Die groß...

Weiterlesen