2024/3 | Fachbeitrag | Tools

Cloud-Projekte: Nach der Migration ist vor der Migration

Eine Cloud-Migration ist letztlich nie abgeschlossen. Unternehmen sollten deshalb nicht in Cloud-Projekten denken, sondern eine Lifecycle-Denkweise einnehmen. Nur so kann der Enttäuschung von nicht endenden Cloud-Projekten vorgebeugt werden. Damit kommen auf mittlere Sicht auch die Vorteile von Cloud-Plattformen und -Services wie hohe Innovationskraft, Effizienz, Agilität und Skalierbarkeit vollständig zum Tragen.

Bildquelle: (C) Gerd Altmann / Pixabay

Es ist nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel: Bei Cloud-Transformationen stellen Entscheider oft Fragen wie: Wann sind wir fertig mit dem Cloud-Projekt? Warum dauert es so lange? Werden wir denn niemals fertig? Diese Fragen und die damit verbundene Erwartungshaltung sind der Ursprung von Unzufriedenheit und "gescheiterten Projekten", denn Cloud-Transformationen und -Migrationen sind immer als kontinuierlicher Prozess zu verstehen. Die Fragen der Entscheider sollten deshalb vielmehr lauten: Wie geht es weiter mit der Cloud und welche Verbesserungen kann die Cloud uns noch bringen?

Die Cloud ist prinzipiell einem permanenten Wandel unterworfen. So stehen immer wieder neue Entwicklungen und Dienste zur Verfügung, etwa rund um die generative KI. Folglich ist auch die einmalige Definition eines Cloud-Zielzustandes für ein Unternehmen eine schwierige, wenn nicht sogar unlösbare Herausforderung. Stattdessen führt an kontinuierlichen Iterationen des Cloud-Zielbildes kein Weg vorbei. Die Dynamik der Cloud erfordert also auch eine dynamische Denkweise, weg von einem Wasserfall-Ansatz hin zu einem Lifecycle-Management. Diese Änderung der Sichtweise ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Cloud-Transformationen.

Die drei Phasen der Cloud-Transformation

Dass eine Cloud-Migration nie vollständig abgeschlossen und deshalb nicht als Projekt definiert werden kann, verdeutlichen allein schon die idealtypischen Zyklen einer Cloud-Migration: mit der initialen Migration, der Modernisierung und der Innovation.

Bei der initialen Migration geht es oft um eine reine Verlagerung einer On-Premises-Infrastruktur in die Cloud. Ein bloßes Lift-and-Shift-Verfahren bringt aber - wenn überhaupt - kaum Vorteile. Schließlich bleibt eine ineffiziente Infrastruktur auch in der Cloud ineffizient und führt eventuell sogar zu einem höheren Kosten- und Management-Aufwand für ein Unternehmen. Bereits in der ersten Phase der Migration muss es also neben dem Lift-and-Shift folglich auch darum gehen, die Vorteile der Cloud wie hohe Agilität, Flexibilität und Skalierbarkeit auszuschöpfen.

Die Modernisierungsphase zielt auf die Nutzung neuer Services ab, die Unternehmen eine entscheidende Entlastung bieten. Ein Beispiel dafür wären Platform-as-a-Service (PaaS)-Angebote. Auch der Einsatz neuer Technologien - etwa von Container-Lösungen, Kubernetes oder Microservice-Architekturen - treibt die Modernisierung voran und ist letztlich unverzichtbar, um die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens zu sichern. Es steht schließlich außer Frage, dass die Cloud-native Applikationsentwicklung und -bereitstellung die Zukunft der IT bestimmen.

Die letzte Phase schließlich umfasst die Innovation mit der Einbindung neuer Anwendungen etwa in Bereichen wie generative KI und ML oder Datenanalyse. Auch die Erweiterung bestehender oder die Etablierung neuer Geschäftsmodelle kann ein Innovationsziel sein: zum Beispiel mittels der Integration interaktiver Chat-Agenten in die Enterprise-Software oder durch die Nutzung von IoT-Daten.

Abbildung: Das CGI-Konzept der Cloud-Modernisierung und -Transformation im Überblick | (C) CGI

Diese Modernisierungs- und Innovationsphasen setzen sich kontinuierlich fort, da sich - wie bereits erwähnt - auch die Cloud ständig weiterentwickelt. Es gilt daher, den Lifecycle konsequent zu betrachten, Schlüsse zu ziehen und Anpassungen vorzunehmen.

Die Cloud aus IT-, Business- und Kundensicht

Auch wenn man das Cloud-Thema aus IT- und Business-Sicht sowie aus der Kundenperspektive betrachtet, wird klar, dass der klassische Projektansatz nicht mehr funktioniert. Die IT muss sich kontinuierlich mit neuen Themen und Technologien beschäftigen. Unter Business-Gesichtspunkten sind Unternehmen im Wettbewerbsumfeld gezwungen, Innovationen voranzutreiben. Darüber hinaus erhöhen auch sich wandelnde Kundenerwartungen und -anforderungen den Veränderungsdruck auf Unternehmen.

Sie stehen folglich vor zwei zentralen Aufgaben: Erstens müssen sie die klassische Wasserfall-Sicht verlassen und ein Lifecycle-Management etablieren. Ein Change-Management mit Awareness- und Adoption-Trainings ist hierbei meistens unverzichtbar, da die Kultur im Unternehmen auf die Anforderungen der Cloud angepasst werden muss. Die Cloud erfordert vor allem eine neue Form der Zusammenarbeit, und zwar über Silogrenzen hinweg. Auch die Prozesse und Tools müssen auf die Cloud-Anforderungen ausgerichtet werden. Ein kleines Beispiel dafür sind die Monitoring- und Ticketing-Systeme. Da Cloud-Projekte nie zum Ende kommen, ergeben sich zwangsläufig auch Änderungen hinsichtlich Planung und Budgetierung. Die Cloud ist dynamisch, sodass eine wöchentliche Budgetkontrolle erforderlich wird, etwa hinsichtlich des "Pay as you go"-Verfahrens bei der Nutzung von Cloud-Dienstleistungen. Zweitens sollte auch ein Wechsel von der IT- zur Business-Sicht erfolgen. Das heißt, im Fokus muss die Generierung von Business-Mehrwert stehen, etwa unter Nutzung neuer Services oder des Cross- und Upselling-Potenzials. Der Treiber hierfür sind gerade die Fachabteilungen wie Vertrieb und Marketing, Forschung und Entwicklung oder auch Human Resources.

Bei jeder Cloud-Transformation darf ein wichtiger Punkt nicht übersehen werden. Ziel eines Unternehmens sollte immer sein, die Modernisierung voranzutreiben, die Innovationsfähigkeit zu steigern und zusätzliche Freiräume für das eigene Business und die Konzeption neuer Geschäftsmodelle zu gewinnen. Freiräume sind für ein Unternehmen wichtig, um aktuelle Trends, Themen, Lösungen und Services evaluieren zu können. Hierbei macht vielfach auch die Nutzung von Managed Services für Commodity- und Standardaufgaben Sinn, die Unternehmen Arbeitslast abnehmen und die nicht unmittelbar in die Innovationskraft einzahlen.

Insgesamt ist es ein Trugschluss, dass eine Cloud-Migration in einem Jahr abgeschlossen und das "Projekt" damit beendet ist. Nur wer diese Erwartungshaltung verlässt und die Cloud-Transformation als Prozess begreift, kann die Cloud auch erfolgreich nutzen. In vielen Fachabteilungen ist diese veränderte Sichtweise auf die Cloud bereits angekommen, gerade auf der Ebene der Entscheider und teilweise auch in der IT allerdings oft noch nicht - und genau aus diesem Grund bringen viele Cloud-Projekte auch nicht den gewünschten Erfolg.



Der Autor:

Eric Berg ist Vice President Consulting Expert bei CGI Deutschland.

Web: https://www.cgi.com/de/de

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Interdisziplinäres Wissensmanagement: 5 Standorte, 33 Teilprojekte, 100+ Mitarbeitende

WISSENplus
Im Verbundprojekt EMPOWER kooperieren fünf Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, um den forschungsbasierten Ideen-, Wissens- und Technologietransfer in der Rhein-Main-Neckar-Region zu fördern. Ein wesentlicher Bestandteil des hochschulübergreifenden Verbundprojekts ist das Wissensmanagement, um Kompetenzen und Erfahrungen der Projektmitarbeitenden strukturiert und nachhaltig zu bewahren und zu...

Weiterlesen

Co-Creation: Kreativität mit Methode

WISSENplus
In heutigen Märkten ist es entscheidend, Kundenbedürfnisse kontinuierlich zu verstehen, Marktnischen rasch zu erkennen und das Produktportfolio flexibel anzupassen. Co-Creation Workshops erscheinen dabei als vielversprechendes Instrument zur Förderung von Innovationen. Doch reicht das gemeinsame Ideensammeln mit dem Kunden aus? Wie kann man sicherstellen, dass sich der Aufwand für einen Co-Creation...

Weiterlesen

Kontrollierte Autonomie: Wie Mensch und KI Prozesse neu definieren

WISSENplus
Die Zukunft hat schon begonnen: Mit AI Agents können Unternehmen ihre Prozesse nicht einfach nur automatisieren, sondern verfügen über weitgehend autonome Systeme, die kontextbasierte Entscheidungen treffen. Für ein Maximum an Transparenz, Sicherheit und Kontrolle ist das Zusammenspiel mit dem Menschen aber auch weiterhin das Erfolgsrezept. Was macht das neue Dreamteam so besonders?...

Weiterlesen

Erfahrungswissen als Zukunftskapital: Wie KI das Know-how der Mitarbeitenden nutzbar macht

WISSENplus
Während sich Unternehmen intensiv mit KI, Digitalisierung und Fachkräftemangel beschäftigen, bleibt ein entscheidender Risikofaktor oft unbeachtet: das Erfahrungswissen ihrer Mitarbeitenden. In den kommenden zehn Jahren gehen 30 Prozent der heutigen Fachkräfte in Rente. Mit ihnen droht jenes Wissen zu verschwinden, das nicht dokumentiert ist - etwa, wie man im technischen Service eine Fehlersuche effizi...

Weiterlesen

Wer KI im Unternehmen verankern will, muss bei den Führungskräften anfangen

Während Unternehmen quer über den Globus Milliarden in KI investieren und für die Zukunft technologisch aufrüsten, übersehen sie schnell einen nach wie vor entscheidenden Faktor für den wirklich lohnenden Einsatz: den Menschen. Dabei ist es gerade dessen KI-Kompetenz, die darüber entscheidet, ob Technologie Wert schafft oder Investitionen einfach verpuffen....

Weiterlesen

KI-gestützte Datenanalyse mit Microsoft Fabric

WISSENplus
Unternehmen sehen sich heute mit einer Flut von Daten konfrontiert, deren strategischer Wert sich nur durch gezielte Auswertung erschließt. Moderne Analyseplattformen wie Microsoft Fabric vereinfachen den Zugang zu datenbasierten Erkenntnissen und stärken so die Marktposition. Der Wert dieser Technologien entfaltet sich jedoch erst durch eine durchdachte Implementierung und strategische Ausrichtung....

Weiterlesen

GenAI und Low Code sind Partner – keine Konkurrenten

WISSENplus
ChatGPT und Co. spucken auf Knopfdruck fertigen Programmcode aus. Dafür muss man lediglich seine Ideen für eine Anwendung in einem Prompt in natürlicher Sprache beschreiben. Mit generativer KI können deshalb auch Fachexperten aus den Geschäftsbereichen, die nicht über klassische Programmierkenntnisse verfügen, an der Softwareentwicklung eines Unternehmens mitwirken. Das war bislang eigentlich im...

Weiterlesen