2009/7 | Fachbeitrag | Archivierung

Als die Bilder (weg)laufen lernten

von Michael Hieber

Inhaltsübersicht:

 

„Eine Frau mit einem Schirm, rot, glaube ich.“ Mehr Informationen gibt es nicht, aber genau diese Szene muss unbedingt in die geplante Unternehmensausstellung – so zumindest der Wille des Geschäftsführers. Für die Mitarbeiter hieß das bisher: Filme anschauen, stundenlang, auf der Suche nach einem – möglicherweise – roten Schirm. Doch zu einem solchen Fernsehmarathon gibt es mittlerweile eine Zeit- und Ressourcen-sparende Alternative: die intelligente Suche in digitalisierten Filmdatenbanken.

Eines der Unternehmen, die ihr Filmmaterial bereits auf diese Weise archiviert haben, ist der Süßwarenhersteller Ritter Sport. Gut 500 Stunden bewegte Unternehmensgeschichte, Selbstdarstellung und Werbung, von den Anfängen der Firma bis in die Gegenwart, wurden dazu gesichtet und bearbeitet – damit sich der Erfinder der quadratischen Tafel heute zu jeder Gelegenheit von seiner Schokoladenseite zeigen kann.

 

Am Anfang wird es digital

 

Doch der Reihe nach: Bevor RitterSport quasi auf Knopfdruck immer die richtige Szene finden konnte, stand zuerst die Digitalisierung des umfangreichen Filmmaterials an. Nach dem Anlegen eines Datensatzes mit allen Parametern muss man das Video in ein gängiges Digital-Format konvertieren. In der Regel werden die Filme, die in unterschiedlichsten Standards vorliegen können, zudem auf dem international üblichen Speichermedium Digital-Betacam gesichert. Anschließend erfolgen die Komprimierung des Materials sowie die Umwandlung in MPEG-Streams, die auch den Original-Timecode enthalten. Die Streams werden automatisiert im File-basierten Serversystem verteilt, was es ermöglicht, Filme und Einzelszenen auch über das Internet wieder abzurufen.

Im nächsten Schritt unterzieht die Software das Material einer Szenenerkennung, indiziert die Wechsel und teilt den Stream in zusammengehörige Teile, Shots genannt. Von diesen erzeugt das System Thumbnails für die Vorschaufunktion und bietet dadurch Schlüsselszenen für die weitere Bearbeitung an. Wie weit eine zusammenhängende Einstellung geht, erkennt das System über die Ähnlichkeit der Bilder. Im automatischen Abgleich mit der zentralen Oracle-Datenbank verwandelt sich der geschlossene Film so in ein Mosaik aus Einzeldarstellungen, die sich leichter registrieren und dokumentieren lassen.

 

Szene für Szene – Wort für Wort

 

In der folgenden Verschlagwortung liegt das zentrale Mittel zum späteren Auffinden von Szenen: Die Bausteine des Videos sowie der Film selbst werden manuell über ein spezielles Web-Interface mit geeigneten Stichworten versehen. Dabei ist es möglich, die Shots sowie den gesamten Film als Digitalisat mit dem Timecode anzusehen oder eine Vorschau davon anzuzeigen, um auch wirklich eine zeitgenau passende Zuordnung vornehmen zu können. Die Qualität dieser Kategorisierung bestimmt, wie schnell sich später eine Einstellung finden lässt. Für die Verschlagwortung entscheidet der Benutzer selbst, ob er dazu Freitext eingibt oder einem Thesaurus folgt.

 

Diese Thesaurus-Funktion kommt auch beim Suchen zum Tragen, sodass das System bei Eingabe eines Schlagworts auch Szenen mit ähnlichen Wörtern finden kann. Eine Anfrage nach „Haus“ liefert so auch Ergebnisse unter dem Stichwort „Gebäude“. Die Flexibilität der Ausdruckserkennung sorgt aber zudem dafür, dass das System auch neue Wörter mit einzelnen Szenen zu verknüpfen lernt und dieses Wissen für weitere Suchen nutzt. Schlüsselszenen in der Vorschau oder in der Storyboard-Ansicht erleichtern das Stöbern im digitalen Archiv. Sie können darüber hinaus auch selbst Grundlage der weiteren Suche sein, da die Software in der Lage ist, auf Wunsch ähnliche Bilder im gespeicherten Content zu finden. Durch die Auswahl mehrerer Bilder, die dem Gewünschten ähneln, lässt sich diese Methode sogar noch verfeinern.

 

Wer suchet, der findet – weltweit

 

Die Abfrage des gesammelten Filmmaterials nach einer bestimmten Einstellung erfolgt webbasiert über gängige Browser wie Internet Explorer oder Mozilla Firefox. Wer Zugriff auf welche Filme hat, wird über eine positive Rechte-Lizensierung gesteuert. Die Suche zeigt damit nur Ergebnisse aus Filmen, die dem Benutzer zugeordnet sind. So lassen sich Videos verschiedener Abteilungen und Ausrichtungen oder sogar unterschiedlicher Unternehmen in einem Serversystem verwalten, ohne die Informationssicherheit zu gefährden.

 

Durch die Umwandlung des Materials in Streams ist es möglich, die Recherche auch extern, außerhalb des firmeneigenen Intranets durchzuführen und die Filme anzusehen. Sollte zur weiteren Verwendung die vollständige Datei oder auch eine Kopie auf Band benötigt werden, kann die Kern-Software zur Archivierung um eine Bestellfunktion mit Warenkorb und Auftragsbearbeitung beziehungsweise um ein Modul zur Bereitstellung von Download-Kapazität erweitert werden.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Compliance – den Regelberg bezwingen

Die vergangenen Skandale deutscher Großunternehmen haben die Debatte um die zuverlässige Einhaltung vorgeschriebener Compliance-Richtlinien wieder voll in Gang gebracht. Nachdem bereits in den USA Betrugsskandale zu scharfen Reglementierungen geführt haben, wird nun auch in Europa verstärkt über die Einhaltung rechtlicher Vorschriften und die Selbstverpflichtung der Unternehmen diskutiert. Das Ziel ist...

Weiterlesen

Wissensmanagement in der europäischen Heimtextilbranche

WISSENplus
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf dem Weltmarkt für Heimtextilien haben im Zuge der Quotenliberalisierung im Jahr 2005 zu einem zunehmenden Verdrängungswettbewerb geführt. So wird auch die Spitzenstellung der europäischen Heimtextilindustrie, die überwiegend von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt ist und ein jährliches Exportvolumen von über 20 Milliarden Euro aufweist, zunehmend von...

Weiterlesen

Datenbanken ermöglichen vielfältige Dienstleistungen

Anbieter von Internet-Datenbanken versprechen ihren Kunden gerne: „Einmal angestoßen und es läuft.“ Die ideale Datenbank soll wie ein perpetuum mobile funktionieren: Einmal in Gang gesetzt, bleibt es ewig in Bewegung und verrichtet dabei noch Arbeit. Lesen Sie im folgenden Artikel, welche professionellen Lösungen zwei Dienstleister anbieten....

Weiterlesen

Finden heißt: Finden können, finden wollen und finden lernen

WISSENplus
Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie anderer Geber führt die GTZ Entwicklungsmaßnahmen in der ganzen Welt durch, oft an entlegenen Standorten. Die Berater vor Ort sind bei ihrer Arbeit ständig auf hochwertiges Wissen angewiesen und brauchen flankierend zu ihrer Wissensarbeit eine zuverlässige und nutzerfreundliche IT-Lösung für die unterneh...

Weiterlesen

Audi PartnerNet – das personalisierte Händlerinformationsportal der Audi AG

Das Audi PartnerNet (APN), das mehrere 10.000 Dokumente umfasst, ist das personalisierte Händlerinformationsportal der Audi AG und dient dem Dialog zwischen dem Hersteller Audi und den Audi Händlern in Deutschland. Um die Qualität der Suchergebnisse zu optimieren, wollte das Unternehmen die existierende Suche durch eine neue, einfach zu bedienende Suchlösung ersetzen. Eines der wichtigsten Ziele dabei: ...

Weiterlesen

Um Lichtjahre voraus

Websites sind die digitale Visitenkarte. Unternehmen investieren viel Zeit und Energie für eine perfekte Präsentation ihrer Produkte, Dienstleistungen oder Kernkompetenzen im Internet. Neben einem ansprechenden Design spielt die Aufbereitung der Inhalte und natürlich deren Qualität eine tragende Rolle. Website-Besucher entscheiden in drei bis fünf Sekunden, ob sie auf der Seite bleiben. Werden die gesu...

Weiterlesen

Intelligente Datenhaltung bei der Krämer GmbH Metzingen

WISSENplus
Als Hersteller von Leitern und Industriebegehungen hat die Krämer GmbH aus Metzingen einen in Fachkreisen bekannten Namen. Als im vergangenen Jahr der Umzug in ein neues Firmengebäude anstand, wurde schnell klar, dass das enorme Papierarchiv vorab digitalisiert werden sollte. Durch eine revisionssichere Archivierung müssen die Dokumente nicht mehr im Original aufbewahrt werden....

Weiterlesen

Die Zukunft des ECM-Marktes

WISSENplus
Mit der ECM-Technologie wird das physische Datenarchiv abgelöst. Gleichzeitig steigen die zu verwaltenden Datenmengen. Ein Teil des erhöhten Verwaltungsaufwands lässt sich durch sinkende Beschaffungskosten der Speichertechnologie einsparen. Zudem gehen die Transaktionskosten durch die Automatisierung der Datenverarbeitungsprozesse zurück. Dennoch steht die Frage im Raum, wie der größtmögliche Nutzen ...

Weiterlesen