2018/8 | Fachbeitrag | Visualisierung

Digitale Transformation mit Augenmaß: Pragmatische Tipps zur schrittweisen Umsetzung von Digitalisierungsprojekten

von Jörg Steiss, Reiner Wodey

Inhaltsübersicht:

wm: Industrie 4.0 ist nicht mehr brandneu, aber warum ist es gerade jetzt so wichtig sich mit dem Thema Digitalisierung zu beschäftigen?

Jörg Steiss: Die Beschäftigung mit der digitalen Transformation ist unerlässlich, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Im Wettrennen um Flexibilität, Geschwindigkeit und Effizienz werden sich nur die Besten der jeweiligen Branchen durchsetzen und überleben.

Reiner Wodey: Und die Veränderungen im Alltag und der Arbeitswelt haben bereits begonnen. Nehmen wir doch nur den 3-D-Druck mit seinen Möglichkeiten. Vieles ist da bereits Realität und nicht mehr nur Zukunftsmusik.

wm: Welche Veränderungen erwarten uns konkret?

Steiss: Die digitale Transformation ist eine ganzheitliche Veränderung, bei der es nicht nur um IT-Technologie geht, sondern um einen ganzheitlichen Wandel. Ob Unternehmenskultur, verschlankte Unternehmensstrukturen, veränderte Prozesse, neue Führungsmethoden und auch die Art wie Arbeit in Zukunft geleistet wird - alles muss gemäß den unternehmensspezifischen Anforderungen überprüft, angepasst und getestet werden. Die große Herausforderung ist dabei, dass all das im „laufenden Betrieb“ umgesetzt werden muss.

wm: Wo liegen denn die Chancen der Industriellen Revolution 4.0?

Wodey: Dort wo Veränderungen stattfinden, trifft man auch auf Chancen. Dies betrifft sowohl die Unternehmensstruktur und die Prozesse, aber auch die Anforderungen an das Personal. Nehmen wir das Beispiel der Programmiersprache COBOL. Durch den Einzug neuer Servertechnologien ist beispielsweise die Nachfrage nach COBOL-Entwicklern rückläufig.

Steiss: Richtig – aber frühzeitig erkannt, konnte die jahrelange Erfahrung in der Lösungs-Entwicklung gesichert werden und rechtzeitig durch Weiterbildung die neuen Technologien erlernt und trainiert werden. So geht kein Unternehmens-Knowhow und auch kein Arbeitsplatz verloren. Wichtigste Voraussetzung dabei ist, dass sowohl das Unternehmen als auch die Menschen diese Chance erkennen und bereit zur Veränderung sind. Lebenslanges Lernen ist keine neue Disziplin!

wm: Wo sehen Sie die Risiken?

Wodey: Digitalisierung geht einher mit dem Begriff „disruptiv“. Das ist in vielen Fällen richtig, ist aber nicht immer „zerstörend“ gemeint. Es kann auch die Veränderung an sich sein. Disruptiv ist nur der erste Schritt der Transformation. Es wird Platz für Neues geschaffen. Berufe verändern sich oder verschwinden. Dafür bilden sich neue Aufgabenstellungen und Berufsbilder. Anders formuliert: Disruption schafft durch Veränderung Platz für Neues.

Steiss: Hinzu kommt, dass sich die Digitalisierung immer an den tatsächlichen Gegebenheiten des Unternehmens orientieren sollte. Blindes Nachmachen von allgemeinen Strategien, oder das bruchstückhafte Umsetzen in einzelnen Bereichen des Unternehmens, führen nicht zum erhofften Erfolg.

wm: Aus Ihrer Erfahrung, was sind typische Herausforderungen und Fehler?

Steiss: In vielen Fällen wird an den entscheidenden Stellen die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Strategie nicht gesehen, oder gar nicht gewollt. Zum einen ist der aktuell bestehende Erfolg im Unternehmen ein täuschender Faktor, zum anderen ist auch die Veränderung, die jede Person und seine Position im Unternehmen treffen könnte, ein Hinderungsgrund. Diese Sicht kann auf Dauer falsch sein und wird leider oft zu spät erkannt. Veränderung braucht Zeit, Geduld und auch Investment.

wm: Es handelt sich also um ein gravierendes Change-Management-Projekt. Was sind die wichtigen Eckpfeiler? Technik, Prozesse, Kultur, Menschen, Hierarchien?

Wodey: Wenn wir von Digitalisierung sprechen, könnten wir auch über ein Change-Management-Projekt mit den Besonderheiten der neuen digitalen Möglichkeiten sprechen. Dies betrifft alle Bereiche im Unternehmen. Für jeden der genannten Bereiche gab es schon in der Vergangenheit Veränderungsprojekte. Vielfach sind davon jedoch die Unternehmenskultur, als ein elementarer Bestandteil des Unternehmens, sowie die Hierarchien verschont geblieben. Digitale Transformation richtig gelebt bedeutet nicht Zerstörung von allem Bestehenden, sondern die digitalen Möglichkeiten sinn- und maßvoll in das gesamte Unternehmen zu integrieren.

Steiss: Mir fällt da spontan die Microsoft Corp. mit dem neuen CEO Satya Nadella als Beispiel für die Umsetzung einer Transformation ein: Um das Unternehmen wieder schneller und flexibler zu machen, wurden 2-4 Hierarchie-Ebenen entfernt, Teams zusammengelegt und durch die Einführung von modernen Arbeitsmodellen und Werkzeugen die Informationsgeschwindigkeit erhöht.

wm: Und was ist in dem Prozess der Veränderung zu beachten?

Wodey: In vielen Fällen sieht der digitale Prozess wie folgt aus: a) Beginn der Planung der digitalen Transformation, b) Start der digitalen Revolution, c) Ergebnis ist die digitale Konfusion. Das muss nicht sein. Es bedarf einer Analyse der aktuellen Unternehmenssituation durch erfahrene Berater. In dieser Phase sollten auch die Beteiligten im Unternehmen eingebunden werden, weil so höhere Akzeptanz entsteht. Stetige Kontrolle bei der Umsetzung und, wenn notwendig, Anpassungen erzeugen Stabilität im Change-Prozess.

wm: Warum sollten Unternehmen sich dennoch gerade jetzt an die digitale Transformation wagen?

Wodey: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Dieser Spruch ist besonders zutreffend für die digitale Transformation. Ist man zu sehr in seiner bisher erfolgreichen Struktur verhaftet, fürchtet sich vor gravierenden Veränderungen und beschränkt sich auf kleine technologischen Anpassungen, kann die Transformation nicht gelingen. Bei einer digitalen Transformationsstrategie mit Augenmaß und entsprechender Beratung können aber die angestrebten Erfolge erreicht werden.

wm: Kann Visualisierung als Unterstützung in der Transformation ein entscheidender Faktor sein?

Steiss: Die Visualisierung ist eines der wichtigsten technologischen Hilfsmittel in allen Phasen der Transformation. Veränderungen müssen verstanden, akzeptiert und aktiv gelöst werden. Bei diesen Schritten hilft es, wenn die Betroffenen sich die Veränderungen besser vorstellen, im Zusammenhang sehen und den Überblick haben können. Beginnend bei der Analyse hilft Visualisierung Strukturen, Hierarchien und Prozesse darzustellen. Die Aufteilung der diversen Aufgabenstellungen in den unterschiedlichen Teams macht eine teamübergreifende Planung und Steuerung unbedingt erforderlich. Controlling und Reporting stellen ein wichtiges Steuerungselement in jeder Phase der Transformation dar. Und nicht zuletzt müssen die Menschen als Teil der Veränderungsprozesse abgeholt werden und eingebunden bleiben.

Außerdem passend zum Thema:

In unserem Blog-Beitrag „Die Macht der Visualisierung in der digitalen Welt“ erfahren Sie, wie Sie große Datenmengen effektiv nutzen können, um schnellere und bessere Entscheidungen zu treffen um Risiken und Fehler zu vermeiden.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Vom digitalen Zwilling zum kollaborativen Zwilling

WISSENplus
Digitale Zwillinge gelten inzwischen als eines der zentralen Konzepte der industriellen Digitalisierung und eröffnen vielfältige Anwendungsmöglichkeiten. Diese Möglichkeiten ergeben sich aus der Verbindung physischer und digitaler Komponenten, aus denen der digitale Zwilling entsteht. Zudem können sie Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen. So werden etwa Fehler frühzeitig er...

Weiterlesen

KI-basiertes Input Management macht Dokumentenprozesse effektiver

Input Management ist eine Herausforderung, vor allem für Dienstleister auf Massenmärkten. Während ein menschlicher Bearbeiter aus dem Kontext in der Regel nach ein paar Minuten erkennt, in welchen Prozess, an welchen Bearbeiter oder in welche Akte er ein Dokument einsortieren sollte, muss ein Input Management System dafür per Hand konfiguriert werden. Für jede Regel und häufig zahlreiche Abweichungen...

Weiterlesen

Wissen vernetzen, Räume gestalten: Digitale Bauplanung mit BIM als Wettbewerbsvorteil für Unternehmen

WISSENplus
Die Anforderungen an moderne Arbeitsumgebungen wandeln sich rasant: Flexibilität, Kosteneffizienz und Nachhaltigkeit sind für Unternehmen essenziell, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Gleichzeitig wünschen sich Mitarbeitende inspirierende, funktionale und gesundheitsfördernde Arbeitsräume. Doch wie lassen sich diese Faktoren in Bauprojekten am besten vereinen? Die Antwort liegt unter an...

Weiterlesen

Mindmapping: Gedanken & Ideen finden und formen

In den 1960er Jahren entwickelte der britische Psychologe und Neurowissenschaftler Antony Peter "Tony" Buzan eine gehirngerechte Kreativitätstechnik zur Visualisierung und Strukturierung von Gedanken und Ideen - ihr Name: "Mindmapping". Seit Jahrzehnten gehört sie zu den bekanntesten kognitiven Ansätzen ihrer Art - weltweit. Dies mag besonders daran liegen, dass sowohl für ihr ...

Weiterlesen

Online-Events – das neue „Normal“

WISSENplus
Webinare boomen. Damit sie nicht zur langweiligen Werbeveranstaltung verkommen, sollten Veranstalter nutzwertigen Inhalt bieten. Ein wenig Marketing und professionelle Technik helfen außerdem dabei, Events über das Netz zu füllen und möglichst viele interessante Menschen zu erreichen....

Weiterlesen

Das Büro der Zukunft

WISSENplus
Remote Work, Home Schooling, Versorgungsengpässe - das Jahr 2020 hat viele Unternehmen an die Belastungsgrenze gebracht. Eine besonders große Herausforderung stellte das mobile Arbeiten dar. Aber die bisherige Bilanz sieht größtenteils gut aus: Aus der Notwendigkeit heraus, eine Business Continuity zu gewährleisten, haben viele Unternehmen in kürzester Zeit enorme Fortschritte gemacht. Die groß...

Weiterlesen

Auf Augenhöhe: HR 4.0 für den Mitarbeiter 4.0

Der Wandel weg vom Arbeitgeber- hin zum Arbeitnehmermarkt ist längst vollzogen und der "War for Talents" allgegenwärtig. Unternehmen buhlen um junge Talente, müssen aber auch das bestehende Personal im Blick behalten - und möglichst dauerhaft an sich binden. Denn für den Organisationserfolg ist beides wichtig: neue Mitarbeiter mit innovativen Ideen und langjährige Beschäftigte mit wertvollem Erfahrun...

Weiterlesen

Eine Ode an Homeoffice, virtuelle Räume & Co.

Ob bei politischen Verantwortungsträgern oder in den Medien: Virologen und Epidemiologen waren in den letzten Wochen die gefragtesten Interviewpartner. Wissenschaftler haben es geschafft, wieder on-vogue zu sein. Man glaubt ihnen wieder mehr, als so genannten Gesundheitsexperten - die zwar wenig wirklich fachlichen Hintergrund besitzen, dafür aber voll gefüllte Seminarhallen und geschliffene Marketing-K...

Weiterlesen