2012/12 | Fachbeitrag | Computer

Können Maschinen denken?

von Chetan Dube

Inhaltsübersicht:

Seit der Geburtsstunde der Computerwissenschaft steht die Frage im Raum: Können Maschinen denken? Die Antworten und Meinungen dazu sind unterschiedlich. Der amerikanische Philosoph Hubert Dreyfus vertrat zum Beispiel die Auffassung, dass künstliche Intelligenz „unmöglich“ ist und der deutsch-amerikanische Informatiker Joseph Weizenbaum bezeichnet sie sogar als „unmoralisch“. Vor über sechs Dekaden hat der Logiker, Mathematiker und Kryptoanalytiker Turing, der heute als einer der Väter der Computerwissenschaft gilt, den Turing-Test entwickelt. Mit diesem Test kann man feststellen, ob eine Maschine ein dem Menschen vergleichbares Denkvermögen besitzt. Turing konstatierte: Sobald man keinen Unterschied mehr zwischen menschlicher und Maschinenintelligenz wahrnehmen kann, ist das Zeitalter der Maschinenintelligenz angebrochen.

In den letzten Jahrzehnten wurden viele kognitive Modelle entwickelt, um menschliche Intelligenz nachzubilden. 1966 hat beispielsweise Joseph Weizenbaum das Computerprogramm ELIZA veröffentlicht, mit dem er die Möglichkeiten der Kommunikation eines Menschen mit einem Computer über natürliche Sprache aufgezeigt hat. Ein weiterer Meilenstein war der Schachcomputer „Deep Blue“. Heute kennen wir Computer, die Menschen bei der amerikanischen Fernseh-Quizshow „Jeopardy“ schlagen können (Watson von IBM), Autos, die selbst fahren (Google), und Geräte, die auf Kommandos reagieren (Siri von Apple). Aber abgesehen von solchen singulären Lösungen bleibt die prinzipielle Frage nach wie vor bestehen: Können Maschinen menschliche Intelligenz nachbilden und mit ihr konkurrieren?

Das Gehirn imitieren

Klar ist: Wenn wir menschliche Intelligenz in all ihrer denkenden und problemlösenden Größe imitieren wollen, müssen wir das menschliche Gehirn nachbilden und dafür detaillierte Einblicke in seine Funktionsweise unter neurowissenschaftlichen Gesichtspunkten gewinnen.

Allzu oft schlagen Forscher heute noch den Weg ein, die Basis für die Maschinenintelligenz, mit der Akkumulation gesammelten Wissens in Supercomputern mit extrem hoher Rechenpower zu schaffen. Dabei ignorieren sie aber eine entscheidende Überlegung von Turing. Der Ansatz, „denkende“ Maschinen zu realisieren, sei nicht die Nachbildung des Erwachsenengehirns, sondern des Gehirns eines Kindes. Die Idee, die dahinter steckt, ist die Simulation eines menschlichen Gehirns, das eine adaptive Lernfähigkeit wie ein Kind hat und sich in der Interaktion mit Menschen schnell weiterentwickelt. Das adaptive Lernen ist somit der Schlüssel zum Erfolg der Maschinenintelligenz.

Maschinen helfen bei Routinetätigkeiten

Viele Denkschulen predigen Vorsicht vor Maschinen. Doch bietet die Maschinenintelligenz eine optimale Möglichkeit für die sogenannte „kreative Destruktion“. Ein Blick auf die heutige Welt zeigt: Die Menschen sind gewissermaßen „versklavt“, es gilt die Ungleichverteilung nach dem Pareto-Prinzip. Täglich verwendet man 80 Prozent seiner Zeit dafür, die gleichen 20 Prozent banaler Dinge zu erledigen. Ob Hausarbeit oder Autofahren, Menschen sind „Sklaven“ einfacher Tätigkeiten. Maschinenintelligenz kann hier ein „ultimativer Befreier“ sein und allen die Möglichkeit bieten, sich mit kreativeren Dingen zu beschäftigen. Maschinen werden künftig „die wertvollsten Diener“ sein, damit der Mensch durch die Entlastung von Routinetätigkeiten eine exponiertere Stellung in der Wertschöpfungskette einnehmen kann.

Stationäre oder Online-Nutzung

Ob und wann Maschinen menschliche Intelligenz dominieren können, ist heute nur schwer absehbar. Falls es aber eintreten sollte, wäre in der Tat zu entscheiden, wer wen „beherrscht“. Aber dies Szenario ist heute noch Science-Fiction. Komplexe Entscheidungsprozesse, aktives Denken und Erkennen sowie emotionale Intelligenz sind momentan einzig und allein Domänen der menschlichen Intelligenz. Eines ist jedoch sicher: Die künstliche Intelligenz entwickelt sich weiter und die Menschheit befindet sich in einer spannenden Zeit der Evolution.

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