KI verändert den Berufseinstieg – Zukunftskompetenzen werden bislang zu wenig gefördert

Künstliche Intelligenz verändert nicht nur bestehende Jobs, sondern auch den Einstieg ins Berufsleben – und das auf zweierlei Weise: Einerseits kann KI einen schnelleren Berufseinstieg ermöglichen, andererseits verändert sie klassische Einstiegsaufgaben. Das zeigt die repräsentative Studie „KI in der Arbeitswelt: Wie gelingt der Change?“ der IU Internationalen Hochschule. Dafür wurden 2.000 Arbeitnehmende im Alter von 16 bis 65 Jahren befragt – repräsentativ für den deutschen Arbeitsmarkt nach Alter und Geschlecht.

Insbesondere Führungskräfte sehen KI als Chance für einen schnelleren Einstieg in anspruchsvollere Tätigkeiten:

  • 39,5 Prozent der befragten Arbeitnehmenden stimmen eher oder voll und ganz der Aussage zu, dass "KI Berufsanfänger:innen die Chance eröffnet, schneller anspruchsvollere Aufgaben zu übernehmen".
  • Unter Führungskräften liegt die Zustimmung mit 47,9 Prozent deutlich höher als bei Arbeitnehmenden ohne Führungsverantwortung (36,8 Prozent).

KI verändert klassische Einstiegstätigkeiten

Die Ergebnisse offenbaren jedoch auch eine Kehrseite:

  • 41,3 Prozent der Arbeitnehmenden stimmen eher oder voll und ganz der Aussage zu, dass "KI Aufgaben übernimmt, die früher typischerweise von Berufsanfänger:innen erledigt wurden."
  • Führungskräfte teilen diese Einschätzung mit 47,9 Prozent häufiger als Arbeitnehmende ohne Führungsverantwortung (39,1 Prozent).

"Es ist paradox. KI kann den Berufseinstieg sowohl beschleunigen als auch erschweren. Einerseits hilft sie jungen Arbeitnehmenden dabei, schneller anspruchsvollere Aufgaben zu übernehmen. Andererseits fallen durch KI ausgerechnet jene Routinetätigkeiten weg, durch die viele ihre anfängliche Berufspraxis erworben haben, wie beispielsweise Recherchen oder Präsentationen im Rahmen von Beratungsmandaten. Umso wichtiger ist es deshalb, Berufseinsteiger:innen nicht aus den Augen zu verlieren. Sie brauchen die Chance, praktische Erfahrungen zu sammeln und gleichzeitig KI-Kompetenzen aufzubauen. Das ist auch eine Investition in den Fachkräftenachwuchs von morgen", ordnet Prof. Dr. Anne Gfrerer, Professorin für Wirtschaftsinformatik an der IU Internationalen Hochschule und wissenschaftliche Expertin der Studie, die Ergebnisse ein.

KI-Kompetenz wird zur Grundvoraussetzung

In puncto KI-Kompetenzen steht für die knappe Mehrheit der Befragten fest: "Für Berufsanfänger:innen werden KI-Kompetenzen in vielen Berufsfeldern zur Grundvoraussetzung." Insgesamt stimmen dem 54,9 Prozent der Arbeitnehmenden eher oder voll und ganz zu. Führungskräfte teilen diese Einschätzung mit 65,6 Prozent deutlich häufiger als Arbeitnehmende ohne Führungsverantwortung (51,5 Prozent).

Insgesamt gehen jeweils 41,3 Prozent der Arbeitnehmenden davon aus, dass Fähigkeiten wie Prompting oder die kritische Bewertung von KI-Ergebnissen künftig an Bedeutung gewinnen werden. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Führungskräften und Arbeitnehmenden ohne Führungsverantwortung:

  • So erwarten 51,2 Prozent der Führungskräfte, dass Prompting künftig wichtiger wird, bei Arbeitnehmenden ohne Führungsverantwortung sind es 38,1 Prozent.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der kritischen Bewertung von KI-Ergebnissen:

  • Hier rechnen 49,6 Prozent der Führungskräfte mit einem Bedeutungszuwachs, verglichen mit 38,6 Prozent der Arbeitnehmenden ohne Führungsverantwortung.
  • Gleichzeitig können Arbeitnehmende ohne Führungsverantwortung die künftige Bedeutung dieser Kompetenzen deutlich häufiger nicht einschätzen als Führungskräfte.

"Die Tatsache, dass viele Arbeitnehmende die Bedeutung dieser Kompetenzen noch nicht richtig einschätzen können, zeigt: Unternehmen müssen klarer vermitteln, welche Fähigkeiten und Arbeitsweisen künftig gefragt sind. Nur so können sich Mitarbeitende gezielt auf den Wandel vorbereiten", erklärt Prof. Dr. Philipp Diebold, der als Professor für Wirtschaftsinformatik an der IU Internationalen Hochschule an der Studie fachlich mitwirkte.

Kaum Zeit für KI-Weiterbildung

Doch genau an dieser Vermittlung mangelt es vielerorts: 43,9 Prozent der Arbeitnehmenden in Deutschland haben in den letzten 12 Monaten (zum Zeitpunkt der Befragung) gar keine Arbeitszeit für KI-Weiterbildung genutzt.

  • Fast die Hälfte (47,4 Prozent) von ihnen begründet dies damit, dass KI-Weiterbildung nicht notwendig sei.
  • Knapp ein Viertel (24,0 Prozent) gibt als Grund an, dass diese vom eigenen Unternehmen nicht gewünscht wird, ein Fünftel (20,6 Prozent) nennt Zeitmangel als Grund.

Auch bei der Förderung durch Unternehmen offenbart sich eine Lücke:

  • Laut der Arbeitnehmenden unterstützen Unternehmen Weiterbildung zu fachlichen Kompetenzen (51,6 Prozent) und Kommunikationsfähigkeit (46,0 Prozent) am häufigsten sehr stark oder eher stark.
  • Kritisches Denken - aus Expert:innensicht eine wichtige Zukunftskompetenz - wird dagegen deutlich seltener gefördert (33,6 Prozent, sehr stark oder eher stark).

"Der Anspruch in Unternehmen ist derzeit, KI wertschöpfend einzusetzen. Die Ergebnisse zeigen jedoch einen Widerspruch: Vielen Arbeitnehmenden fehlt die Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, zugleich wird KI oft noch nicht als relevant oder notwendig eingeordnet. Dabei soll KI eigentlich entlasten, Effizienz steigern und Zeit sparen. Stattdessen bindet sie zunächst Ressourcen - vor allem dann, wenn sie einfach 'on top' kommt, statt bestehende Arbeitsweisen dafür anzupassen. Das wirft die Frage auf, ob der aktuelle Weg der richtige ist oder ob es einen gezielten Change der Arbeitsweisen braucht, der die Voraussetzungen für einen wirklich produktiven KI-Einsatz schafft", sagt Diebold.

Trotz der Lücken beim Thema Weiterbildung sind die Arbeitnehmenden zuversichtlich: 81,6 Prozent trauen sich zu, neue Kompetenzen eigenständig anzueignen.

>> Die vollständige Studie ist abrufbar unter: www.iu.de/forschung/studien/ki-und-arbeitswelt/

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