Laut der IU-Studie prägt die digitale Dauerbereitschaft den gesamten Alltag der Menschen in Deutschland: 81,0 Prozent schauen mindestens ein- bis zweimal pro Stunde auf ihr Smartphone, Tablet oder Laptop - auch ohne konkrete Benachrichtigung. Besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten bei jungen Menschen: 90,6 Prozent der 16- bis 30-Jährigen checken ihre digitalen Geräte mindestens ein- bis zweimal pro Stunde, 68,1 Prozent tun dies sogar mindestens dreimal.
Von der mentalen Daueraktivierung zur digitalen Erschöpfung
Diese permanente Erreichbarkeit kann Folgen haben: 32,0 Prozent der Befragten fühlen sich am Ende des Tages häufig oder sogar täglich emotional oder mental erschöpft. 31,9 Prozent berichten von häufigen oder täglichen Ein- oder Durchschlafproblemen. Besonders betroffen von Erschöpfung und Schlafproblemen sind Frauen (38,5 bzw. 38,6 Prozent).
"Die Ergebnisse belegen einen lebensweltlichen Always-on-Zustand: mentale Daueraktivierung vom Aufwachen bis zum Einschlafen über Arbeit, Familie und Alltag hinweg. Viele Menschen wollen häufiger offline sein, schaffen es aber strukturell kaum. Das ist nicht nur ein individuelles Selbstmanagementproblem, sondern ein gesellschaftliches Belastungsmuster mit gesundheitlichen und ökonomischen Folgen", ordnet Prof. Dr. Stefanie André, Professorin für Gesundheitsmanagement an der IU Internationalen Hochschule, die Ergebnisse ein.
Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Mehr als die Hälfte der Befragten (56,0 Prozent) gibt an, gerne häufiger offline sein zu wollen. Doch was hindert Menschen daran, abzuschalten? Die IU-Studie zeigt, dass:
- 42,2 Prozent der Arbeitnehmenden das Gefühl haben, sowohl im beruflichen als auch im privaten Alltag permanent erreichbar sein zu müssen;
- 32,9 Prozent der Arbeitnehmenden fühlen sich dazu verpflichtet, auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein;
- und 56,2 Prozent der Menschen in Deutschland haben das Gefühl, dass ihr Umfeld von ihnen erwartet, dass sie zeitnah auf digitale Nachrichten antworten;
- bei 22,3 Prozent sei es im Umfeld nicht akzeptiert, wenn man nicht sofort auf digitale Nachrichten reagiere.
"Mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich mehr Offline-Zeit, schafft es aber nicht, diesen Wunsch umzusetzen. Das spricht nicht für fehlendes Wissen, sondern für einen starken äußeren Erwartungsdruck: soziale Normen, berufliche Erreichbarkeit und die Angst, etwas zu verpassen", so Prof. Dr. Timo Kortsch, Professor für Wirtschaftspsychologie an der IU Internationalen Hochschule.
Fragmentierte Aufmerksamkeit: Digitale Störungen als Stressfaktor
Der Druck hinter der digitalen Dauererreichbarkeit und die digitale Ablenkung bringen Konzentrationsprobleme mit sich:
- 51,7 Prozent geben an, dass ihre Aufmerksamkeit ständig zwischen verschiedenen Dingen hin- und herspringt.
- 37,2 Prozent verlieren schnell den Faden, wenn sie durch digitale Nachrichten unterbrochen werden.
- 44,3 Prozent der Befragten fühlen sich von der Menge an digitalen Informationen überfordert.
Jüngere und Frauen besonders betroffen
Die IU-Studie zeigt Unterschiede nach Geschlecht und Alter: Frauen erleben häufiger negative Auswirkungen durch digitale Erreichbarkeit als Männer - sie geben häufiger an, leicht ablenkbar zu sein (40,3 vs. 29,9 Prozent) und von digitalen Medien abhängig zu sein (31,6 vs. 20,3 Prozent).
Auch wenn es um die Quelle des stärksten Erwartungsdrucks in Sachen Erreichbarkeit geht, nennen Frauen (43,3 Prozent) die Familie häufiger als Männer (37,5 Prozent), während Männer häufiger Druck von Seiten der Arbeit in Sachen Erreichbarkeit verspüren (33,7 Prozent: Männer vs. 27,2 Prozent: Frauen).
"Wir alle kennen die Lesebestätigungen bei Nachrichten - und die Erwartung dahinter: Wann kommt die Antwort? Viele Menschen verspüren deshalb nicht nur den Druck, erreichbar sein zu müssen, sondern auch rasch zu reagieren. Im familiären Kontext ist dieser Erwartungsdruck besonders hoch, vor allem bei Frauen, die in vielen Haushalten nach wie vor einen großen Teil des Mental Load rund um Care-Arbeit und Alltagsorganisation tragen", erklärt Prof. Dr. André.
Bei jungen Menschen im Alter von 16 bis 30 Jahren ist die digitale Dauerbereitschaft besonders ausgeprägt: Fast die Hälfte (48,6 Prozent) der Befragten hat Angst, etwas Wichtiges zu verpassen (FOMO), wenn sie offline sind.
Was hilft gegen digitalen Stress?
Die am häufigsten genannten hilfreichen Maßnahmen gegen digitalen Stress1 sind laut der Menschen in Deutschland: Push-Benachrichtigungen ausschalten (38,4 Prozent), den "Nicht-stören"-Modus aktivieren (29,5 Prozent) und Bewegung bzw. Sport - ganz ohne digitale Geräte (28,7 Prozent).
>> Mehr Infos: www.iu.de/forschung/studien/digitaler-stress/