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wissensmanagement Heft 6 / 2000
EditorialWissensmanagement

Telearbeit -die Arbeitsform der Zukunft?

von Wolfgang Sturz

Das erste Telearbeits-Projekt, an dem ich vor knapp 20 Jahren beteiligt war, hieß damals "Nachbarschaftsbüro". Wir als junge Forscher an der Hochschule diktierten unsere Berichte. Die Bänder wurden per Post an eine kleine Außenstelle im Murrhardter Wald, dem so genannten Nachbarschaftsbüro, geschickt.

 

Das erste Telearbeits-Projekt, an dem ich vor knapp 20 Jahren beteiligt war, hieß damals "

Nachbarschaftsbüro". Wir als junge Forscher an der Hochschule diktierten unsere Berichte. Die Bänder wurden per Post an eine kleine Außenstelle im Murrhardter Wald, dem so genannten Nachbarschaftsbüro, geschickt. Dort stand ein Team mit sehr flexiblen Arbeitszeiten zur Verfügung, dessen Mitglieder es immer geschafft haben, unsere Diktate in kürzester Zeit fehlerfrei zu schreiben und die Ausdrucke per Post (!!!) an uns zurückzuschicken. Damals musste übrigens ins Reine diktiert werden, denn das Einarbeiten nachträglicher Korrekturen hätte zu viel Zeit in Anspruch genommen.

Inzwischen ist der Tele-Arbeitsplatz schon längst nicht mehr nur auf Schreibkräfte beschränkt. Im Prinzip ist es jedem Wissensarbeiter heute möglich, von jedem Ort der Welt aus seiner Arbeit nachzugehen. Es hat sich sogar eine regelrechte Umkehr vollzogen: Während der Heimarbeitsplatz, so hieß das vor 20 Jahren eher hausbacken, auf solche Aufgaben wie das Schreiben von Diktaten beschränkt war, sind es heute die Mitarbeiter mit höherer Qualifikation, die immer unabhängiger von ihrem physikalischen Schreibtisch werden. Jürgen Schrempp, Vorstandvorsitzender der DaimlerChrysler AG, hat mehrfach berichtet, dass er nur während eines Bruchteils seiner Arbeitszeit an seinem Schreibtisch in Stuttgart sitze. Seinen Arbeitsplatz in Form eines Notebooks mit allen wichtigen Informationen habe er stets bei sich, natürlich in ständigem Datenaustausch mit seiner Zentrale. So muss kein Vorgang unbearbeitet und keine Entscheidung liegen bleiben, nur weil der Chef gerade unterwegs ist.

Unsere Gesellschaft erlebt einen dramatischen Wandel in den Bereichen Zeit und Raum: Die Zeit wird immer wichtiger, Entscheidungen müssen immer schneller getroffen und umgesetzt werden. Der Raum wird hingegen immer unwichtiger. Ob der Chef im Zimmer nebenan oder auf der anderen Seite der Erdkugel sitzt, spielt für Entscheidungsprozesse heute nahezu keine Rolle mehr.

Was hat das für gesellschaftliche Auswirkungen? Ein wichtiger Trend ist bereits erkennbar: Die Landflucht wandelt sich in eine Stadtflucht: Man wohnt und arbeitet im Grünen, genießt die ländliche Ruhe und die (noch) günstigen Lebenskosten. Aber nicht nur einzelne Mitarbeiter, auch ganze Firmen nutzen die räumliche Ungebundenheit. Dann liegt die Firmenzentrale eben nicht mehr in München oder Frankfurt, sondern im Westerwald - natürlich mit einem möglichst guten Anschluss an die Bundesautobahn und einem noch besseren an die Datenautobahn. Die Irish Development Agency (IDA) hat vor etwa drei Jahren die Förderung von Unternehmensansiedlungen in Dublin eingestellt. Gefördert wird nur noch, wer Arbeitsplätze im ländlichen Raum schafft.

Es gibt aber auch gegenläufige Trends: Aus Amerika wird über erste Meinungsumfragen berichtet, die zeigen, dass berufstätige Mütter immer häufiger lieber ins Büro fahren, um dort in Ruhe und ungestört durch die Familie arbeiten zu können. Und die Firma CISCO, von der man eigentlich eine Vorreiterrolle im Bereich der Telearbeit erwarten würde, baut gerade mitten in Silicon Valley einen gewaltigen Bürokomplex, um die Mitarbeiter wieder an einem Ort zusammenzuführen. Dies geschieht übrigens ganz klar im Hinblick auf eine Optimierung des Wissensmanagements. Der Wissensaustausch hat trotz effizienter und durchdachter elektronischer Kommunikationsstrukturen bei der Telearbeit offensichtlich nicht so funktioniert, wie es für ein Hightech-Unternehmen erforderlich ist.

Telearbeit funktioniert nur dann, wenn die Nabelschnur erhalten bleibt. Und diese Nabelschnur darf nicht ausschließlich aus einem Glasfaserkabel bestehen. Telearbeiter müssen im sozialen Netz, müssen im persönlichen Kommunikationsnetz und müssen im Beziehungsgeflecht ihres Unternehmens verankert bleiben. Nur dann ist ein Wissensaustausch, nur so ist ein Wissensmanagement möglich.

Lesen Sie dazu auch auf Seite 38 "Telearbeit - Wissensmanagement macht's möglich".

Viel Spaß bei der Lektüre

wünscht Ihnen

Dr. Wolfgang Sturz

Dr. Ing. Wolfgang Sturz

Herausgeber

 


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