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Im Windschatten

von Mathias Schindler

Manchmal versteckt sich die Revolution im Windschatten einer anderen. Seit etwa 2004 hat sich ein Enzyklopädieprojekt erfolgreich in das Bewusstsein und in den Tagesablauf der netzaffinen Bevölkerung geschoben, begünstigt von einer guten Google-Indizierung und einer eher unkonventionellen Herangehensweise. Die Inhalte stammen von den Nutzern selbst und sind zunehmend auch in der Lage, mäßigen bis erhöhten Anforderungen an die Qualität standzuhalten.

Manchmal versteckt sich die Revolution im Windschatten einer anderen. Seit etwa 2004 hat sich ein Enzyklopädieprojekt erfolgreich in das Bewusstsein und in den Tagesablauf der netzaffinen Bevölkerung geschoben, begünstigt von einer guten Google-Indizierung und einer eher unkonventionellen Herangehensweise. Die Inhalte stammen von den Nutzern selbst und sind zunehmend auch in der Lage, mäßigen bis erhöhten Anforderungen an die Qualität standzuhalten. Dass das Fehlen von Zugangshürden wie Bezahlfunktionen und Pop-Ups zur Popularität beigetragen hat, kann unterstellt werden. Die Technik dahinter läuft seit 1995 unter dem Namen Wiki (WikiWiki,WikiWikiWeb) und beschreibt die Gleichsetzung von Leser und Autor.

Zusammen mit dem Wachstum der Wikipedia auf heute etwa fünf Millionen Seiten (davon 3,5 Millionen enzyklopädische Artikel) wuchsen die Anforderungen an die Software-Lösungen. Aus der blanken Not heraus wechselte man von einem Perl-Script auf eine selbstgestrickte Lösung in PHP, die heute unter dem Namen Mediawiki unter einer freien Lizenz stehend für alle Zwecke kostenfrei eingesetzt werden kann. Hier beginnt der Windschatten. Schrittweise finden sich bei fast allen größeren Projekten Wikis wieder, in vielen Fällen davon MediaWiki-Installationen. Firefox-Entwickler aus dem Hause Mozilla dokumentieren die nächsten Schritte der Entwicklung unter wiki.mozilla.org. Der Linux-Distributor Novell ging noch einen Schritt weiter: Die Projektseite Opensuse.org ist komplett als Wiki organisiert und im Erscheinungsbild den CI-Erfordernissen angepasst. Erst auf den zweiten Blick findet der Benutzer den typischen Button „Seite bearbeiten“. Die ehrwürdige Nachrichtenagentur Reuters pflegt unter glossary.reuters.com ein Wiki und hat einige Texte noch dazu unter eine freie Lizenz gestellt.

Es gehört zu den Spötteleien unter Wikipedia-Nutzern, bei Fehlern auf Nachrichtenseiten, beispielsweise spiegel.de, nach dem „Edit-Button“ zu suchen. Seit einigen Monaten passiert es jedoch immer häufiger, dass es diesen Button nun tatsächlich gibt. Das Gegenbeispiel, dass verstörte Leser an den E-Mail-Support des Betreibers Wikimedia Foundation schreiben, man habe eine gravierende Sicherheitslücke gefunden und alle Inhalte seien von außen änderbar, wird hingegen seltener. Wann wird aus der Spöttelei tatsächlich eine Anspruchshaltung an die Betreiber von Informationsseiten, Wiki-Funktionalität bereitzustellen?

Nach fünf Jahren Wikipedia und dem Start eines halben Dutzend Schwesterprojekte gibt es mittlerweile genug Erfahrungswerte bei Wikimedia, welche Arten von Text grundsätzlich wikitauglich sind und wo es hapert. Zu den untauglichen Textgattungen gehört der Meinungsartikel, dessen Schreibstil fast zwingend an eine bestimmte Person gebunden ist. Eine amerikanische Tageszeitung startete im letzten Jahr ein Projekt namens „Wikitorials“, in dem die Meinungsartikel aus der Druckausgabe zeitgleich in ein Wiki zur allgemeinen Bearbeitung gestellt wurden. Das Ergebnis ? das Wort Desaster ist unausweichlich ? kam auch deshalb zustande, weil keine Community die Pflege der Texte übernahm, Freiwillige dank eines verkrüppelten Benutzerinterfaces an Aufräumarbeiten gehindert wurden und am Sonntagnachmittag Ortszeit keine Administratoren greifbar waren, um auf dem kurzen Weg ganzen Bereich des Internets vom Editieren abzuhalten. Die Redaktion zog die Notbremse und beerdigte das Projekt nach wenigen Stunden. Würde ein solches Schicksal auch ? um bei dem Beispiel zu bleiben ? SpiegelOnline drohen, gäbe man alle Artikel zur Bearbeitung frei? Ohne weitere Maßnahmen wäre ein „Ja“ unvermeidlich.

Im direkten Firmeneinsatz verschieben sich die Probleme ein wenig. Wer sich auf die interne Lösung beschränkt, verzichtet genau auf den Teil der möglichen Inhalts- und Qualitätslieferanten, der bisher nur mittelbar und mühsam abgreifbar war. Ohne Zweifel, es kann bereits ein Siebenmeilenschritt sein, auch nur die Firmenangehörigen auf diese Weise einzuladen, ihr Wissen und ihre Erfahrung in Schriftform abzulegen und auf einem aktuellen Stand zu halten. Je klarer das Ziel definiert ist, je enger bereits eine bestehende Community zusammenarbeitet und je hilfreicher, sachlicher und ehrlicher die Informationen sind, desto höher liegen letztendlich die Chancen, dass ein Wiki unter einem guten Stern steht. Die Benutzer werden es über den Edit-Button danken.

Ihr

Mathias Schindler

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