2020/7 | Fachbeitrag | Künstliche Intelligenz / Robotic

Weniger Verkehrschaos trotz boomendem E-Commerce: Die letzte Meile smart gestalten

von Thomas Anderer

Inhaltsübersicht:

Der Begriff Verkehrschaos steht für eine Belastung am Anschlag, die Gesellschaft, Politik sowie Städte und Kommunen zur Transformation zwingt. Hier geht es in erster Linie darum, das Verkehrsaufkommen, insbesondere im Individual- und Güterverkehr, zu reduzieren. In Anbetracht der Entwicklungen im E-Commerce ist es nicht verwunderlich, dass an jeder Ecke sogenannte KEP-Fahrzeuge (von Kurier-, Express- und Paketdiensten) mit eingeschaltetem Warnblicklicht stehen. Sie sind nicht nur ein lästiges Hindernis, das den Verkehrsfluss beeinträchtigt, sondern unter Umständen auch ein Sicherheitsproblem.

Zustellung garantiert!

Günstige und flexible Lieferkonditionen führen dazu, dass die Komplexität der Zustellung von Online-Bestellungen erheblich steigt. Hinzu kommt, dass gerade für KEP-Dienste die letzte Meile - der Transport der Waren vom Umschlagplatz zum Empfänger - die teuerste ist: Häufig fahren sie eine Adresse bis zu dreimal an, um ein Paket erfolgreich zuzustellen. Daraus resultieren zahlreiche alternative Zustellmodelle, wie etwa Lieferung an Paketshops, an private Ablageorte, an den Arbeitsplatz oder an Paketstationen und Paketschränke. Hier könnten Innovationen, wie sie derzeit unter dem Dach von Smart City erforscht und getestet werden, eine weitere Alternativlösung bieten.

Smart Cities als Lösungsansatz

Der Begriff Smart City subsumiert unterschiedliche Merkmale einer idealen Zukunftsstadt, wobei zwei wesentliche Faktoren, die Mobilität und der Verkehr im Mittelpunkt stehen. Mobilität bedeutet heute nicht mehr nur Bewegungsfreiheit in Städten, sondern dass sich Verkehrsflüsse eigenständig aufrechterhalten und flexibel auf Probleme reagieren können. Das Verkehrsnetz stellt dabei die zentrale Lebensader einer Smart City dar. Intelligente Verkehrsplanung, die Förderung des Nahverkehrs, die flächendeckende Einführung von E-Mobilität und Sharing-Angeboten sowie eine bessere Vernetzung aller Verkehrsteilnehmer in einer stadtweiten Kommunikationsinfrastruktur sind hierbei Kennzeichen des erforderlichen Vorausdenkens, um neue Lösungen zielgerichtet voranzubringen.

Autonome Fahrzeuge für die letzten Meter

Für den E-Commerce und die KEP-Dienste sind hierbei autonome Fahrzeuge besonders spannend, welche die letzte Meile zurücklegen. Das efeuCampus Innovationszentrum in Bruchsal, das erste Testareal für urbane autonome Güterlogistik, testet derzeit die synchrone und asynchrone Paketzustellung: Das Konzept beinhaltet Mikrodepots, die sich am Rand der Smart City oder in einem bestimmten Stadtgebiet befinden. Dort übergeben sie die KEP-Dienste an autonome Fahrzeuge. Diese kann der Empfänger via App direkt zu sich bestellen, wenn er zu Hause ist (synchrone Zustellung). Oder er nutzt eine installierte Station als Ablageort, um zu jeder Zeit Pakete zu empfangen (asynchrone Zustellung) und zu versenden, etwa bei Retouren. Das autonome Vehikel transportiert die Waren zurück zum Mikrodepot, von wo aus sie die entsprechenden Transportdienste wieder in die gewohnte Supply Chain aufnehmen.

Voraussetzungen schaffen

All diese angedachten und disruptiven Lösungen funktionieren nur dann, wenn die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt sind. Es gilt, den Fokus auf technologische Systeme zu legen, die Daten vernetzen, analysieren und auszuwerten können, um darauf aufbauend konkrete Lösungen für den Verkehr zu entwickeln. Erst wenn es gelingt, den öffentlichen Nahverkehr beispielsweise mit Gütertransport und Individualverkehr zu vernetzen und aufeinander abzustimmen, kann dies zu einer Entlastung der Verkehrswege und zur Emissionsreduzierung beitragen. Hier sind die Städte und Kommunen gefragt, die angehalten sind, eine entsprechende Dateninfrastruktur zu gewährleisten.

Nicht ohne Transformationswillen

Oft sind Verkehrs- und Stadtplanung in ihren eigenen Denkmodellen gefangen. Das Verkehrschaos wäre leichter in den Griff zu bekommen, wenn sich die Verantwortlichen stärker mit schon bereits vorhanden disruptiven Lösungen oder Projektideen beschäftigen, die einen Erkenntnisaustausch gewährleisten. Ein Innovieren und Transformieren auf politischer Ebene sind dazu dringend erforderlich.

Jede City braucht ein eigenes smartes Konzept

Es ist kaum anzunehmen, dass sich die Lieferpolitik des E-Commerce oder die Kundenansprüche in Zukunft entschärfen werden. Folglich ist der Handlungsbedarf in Sachen Smart City besonders akut, um das Verkehrschaos im urbanen Raum aufzulösen. Fakt ist: In Kompetenzzentren wie in Bruchsal entstehen keine Blaupausen für alle Städte dieser Welt. Die gesammelten Ideen und Lösungsansätze eignen sich allerdings bestens, um eigene individuelle Smart City-Konzepte im Bereich Mobilität und Verkehr, Güterlogistik und Transport zu entwickeln.

 

 

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

KI-gestützte Suche: Lohnt sich die Einführung?

WISSENplus
Die Zeit- und Geldverschwendung bei der Suche nach Dokumenten in Unternehmen nimmt zu und führt zu viel Frust. Die Ursachen sind u.a. uneinheitliche Dokumentenbezeichnungen und fehlende Standards, eine wachsende Vielfalt von Formaten, intransparente Datenquellen und unzureichende Suchfunktionen. Künstliche Intelligenz kann hier Abhilfe schaffen. ...

Weiterlesen

Project Cortex: Künstliche Intelligenz in Microsoft 365

WISSENplus
Im November 2019 hat Microsoft auf der Ignite in Orlando "Project Cortex" vorgestellt. Damit will der Digital-Workplace-Experte eine ganz neue Ära des Wissensmanagements einläuten und in den Unternehmen etablieren. Doch was genau bedeutet das? Was kann man von Project Cortex erwarten? Und wie sieht die Umsetzung in der Praxis aus?...

Weiterlesen

Digitalisiert & vernetzt: Daten im (Work-)Flow

Daten gelten als Gold des 21. Jahrhunderts. Sie haben sich als vierter Produktionsfaktor neben Boden, Arbeit und Kapital fest etabliert. In vielen Organisationen tragen sie - als elementarer Wissensbaustein - mittlerweile sogar mit mehr als 60 Prozent zur Wertschöpfung bei. Doch trotz ihrer wachsenden Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit werden Daten in vielen Organisationen nach wie vor vernachlässig...

Weiterlesen

Fernwartung: Durchblick dank Datenbrille

WISSENplus
Das Reiseverbot während der Coronakrise stellt Industrieunternehmen bei Aufbau und Inbetriebnahme neuer Anlagen vor Herausforderungen, denn die benötigten Spezialisten können nicht mehr anreisen. So kann es bei einer Inbetriebnahme zu Fehlern kommen, die vor Ort behoben werden müssen. Das so genannte Troubleshooting gestaltet sich - ohne sich ein eigenes Bild von der Situation machen zu können - ...

Weiterlesen

Drei Szenarien für das Digital Office

WISSENplus
Gerade zu Beginn der Corona-Krise gab es eine hohe Nachfrage nach cloudbasierten Digital-Office-Lösungen. Denn der Großteil an Unternehmen musste aus der Not heraus schnell neue Arbeits- und Kommunikationsweisen etablieren. Laut einer Sonderauswertung des Bitkom-ifo-Digitalindexes arbeiteten im April diesen Jahres 75 Prozent aller Unternehmen von zu Hause aus - in der Informations- und Kommunikatio...

Weiterlesen

My CMS: Anwaltskanzlei bündelt ihr Wissen App-basiert

WISSENplus
CMS ist eine der zehn größten internationalen Anwaltskanzleien. Sie ist in 70 Städten in 43 Ländern vertreten - mit 75 Standorten weltweit. Aufgrund einer Fusion mit den Kanzleien Nabarro und Olswang im Jahr 2017 hatte es CMS mit einer heterogenen IT-Landschaft zu tun. Doch die Digitalisierung macht auch vor der Rechtsbranche keinen Halt. Ein immer schnelleres Wachstum und die hohen Anforderungen ...

Weiterlesen

Was kann Microsoft Teams leisten? Ein Überblick!

Microsoft Teams, der Nachfolger von Skype for Business, gehört zu den beliebtesten und am weitesten verbreiten Werkzeug für berufliche Kommunikation und Zusammenarbeit. Es bietet Unternehmen zahlreiche Kollaborationsmöglichkeiten - und zwar unabhängig davon, ob sie das Tool on-premise oder webbasiert nutzen. Auch mobil können Sie damit auf Ihre Daten, Dokumente und Gesprächsverläufe zugreifen. Doch ...

Weiterlesen