Die
Medien als Vorreiter im Wissensmanagement?
"Die
Menschheit erlebt den ersten Entwurf eines Geschichtsfernsehens",
so Chris Cramer, Präsident von CNN International, vor dem Hintergrund
der Diskussion um die Kriegsberichterstattung im derzeitigen Irak-Konflikt.
Rund 7.000 Korrespondenten aus aller Welt, davon allein 600 in die
Truppenverbänden integriert, bringen den Fernsehzuschauern
die Ereignisse so nah wie nie zuvor. Dabei profitieren die Journalisten
von heute vor allem von den Fortschritten in der Satellitenkommunikation.
Noch vor 10 Jahren wog ein Satellitentelefon 10 Kilogranm, die Gesprächsminute
kostete bis zu 20 Dollar. Heute kann sich jeder freiberufliche Journalist
für weniger als 200 Dollar ein nicht mal 200 Gramm leichtes
Gerät mieten und ab 1,80 Dollar pro Minute seine Berichte durchgeben
oder Bild- und Tondaten in die Redaktion übertragen. Die großen
Medienanstalten sind mit ihren Geländefahrzeugen und Nachtsichtgeräten
ähnlich ausgestattet wie die alliierte Armee. Spezialantennen
halten den Funkkontakt, selbst wenn der Geländewagen mit 80
Stundenkilometern durch die Wüste jagt. Zumindest, was die
technische Ausstattung betrifft, scheinen Rundfunk und Fernsehen
führend beim Aufbau struktureller Wissensmanagement-Systeme.
Ein ganz anderes Bild vermittelt unser aktueller Branchenreport
zu Wissensmanagement im Verlagswesen (Seite 14). Verlage, die ja
per definitionem als die klassischen Vertreter von Wissensarbeit
gelten, stecken bei ihren Wissensmanagement-Anwendungen noch in
den Kinderschuhen. Professionelle Content-Management- und Retrieval-Systeme
erschließen lediglich das explizite Wissen, während qualitative
Ansätze zur Bewahrung und Weitergabe des impliziten Mitarbeiterwissens
die große Ausnahme bilden. Die entwickelten Lösungen
und Strategien dienen dabei in erster Linie kommerziellen Gesichtspunkten,
der Einsatz im eigenen Unternehmen wird als nachrangig bewertet.
Hier zeigen sich ganz deutlich die strukturellen Schwächen
in den Verlagen, die derzeit massiv Arbeitsplätze abbauen.
Laut einer aktuellen Studie der Ludwig-Maximilian-Universität,
München, ist Stellenabbau einer der größten Wissensverlustbringer
in Unternehmen (Seite 11). Und mit welchen Strategien die Verlage
den Wissensverlust kompensieren und auf die Bedeutung des Themas
Wissensbewahrung reagieren diese Antwort bleiben sie bislang
weitgehend schuldig.
Vielleicht sollten die Verantwortlichen in den Verlagshäusern
ihre Führungskräfte einmal nach Chemnitz schicken. Die
dortige Technische Universität offeriert seit April 2002 einen
Masterstudiengang Wissensmanagement (Seite 42). Mit engem Bezug
zur Praxis werden in einem 15-monatigen berufsbegleitenden Studium
Kenntnisse und Fähigkeiten zur effizienten Nutzung der Ressource
Wissen vermittelt. Abschluss ist der Executive Master of Knowledge
Management.
Aber nicht nur den Wissensarbeitern im Verlagswesen ist die permanente
Auseinandersetzung mit der Ressource Wissen dringend zu empfehlen.
Ein jeder und eine jede sind aufgefordert, sich fit zu halten. Denn
nur wer sein Wissen permanent weiterentwickelt, hat zumindest im
Berufsleben die Chance, zu überleben.
In dem Wunsch, dass High-Tech nicht nur in Krisenzeiten zum Einsatz
kommt, verbleibe ich für dieses Mal mit nachdenklichen Grüßen.
Ihr
Oliver
Lehnert
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