Telearbeit
die Arbeitsform der Zukunft?
Das
erste Telearbeits-Projekt, an dem ich vor knapp 20 Jahren beteiligt
war, hieß damals "Nachbarschaftsbüro". Wir als junge
Forscher an der Hochschule diktierten unsere Berichte. Die Bänder
wurden per Post an eine kleine Außenstelle im Murrhardter
Wald, dem so genannten Nachbarschaftsbüro, geschickt. Dort
stand ein Team mit sehr flexiblen Arbeitszeiten zur Verfügung,
dessen Mitglieder es immer geschafft haben, unsere Diktate in kürzester
Zeit fehlerfrei zu schreiben und die Ausdrucke per Post (!!!) an
uns zurückzuschicken. Damals musste übrigens ins Reine
diktiert werden, denn das Einarbeiten nachträglicher Korrekturen
hätte zu viel Zeit in Anspruch genommen.
Inzwischen
ist der Tele-Arbeitsplatz schon längst nicht mehr nur auf Schreibkräfte
beschränkt. Im Prinzip ist es jedem Wissensarbeiter heute möglich,
von jedem Ort der Welt aus seiner Arbeit nachzugehen. Es hat sich
sogar eine regelrechte Umkehr vollzogen: Während der Heimarbeitsplatz,
so hieß das vor 20 Jahren eher hausbacken, auf solche Aufgaben
wie das Schreiben von Diktaten beschränkt war, sind es heute
die Mitarbeiter mit höherer Qualifikation, die immer unabhängiger
von ihrem physikalischen Schreibtisch werden. Jürgen Schrempp,
Vorstandsvorsitzender der DaimlerChrysler AG, hat mehrfach berichtet,
dass er nur während eines Bruchteils seiner Arbeitszeit an
seinem Schreibtisch in Stuttgart sitze. Seinen Arbeitsplatz in Form
eines Notebooks mit allen wichtigen Informationen habe er stets
bei sich, natürlich in ständigem Datenaustausch mit seiner
Zentrale. So muss kein Vorgang unbearbeitet und keine Entscheidung
liegen bleiben, nur weil der Chef gerade unterwegs ist.
Unsere Gesellschaft
erlebt einen dramatischen Wandel in den Bereichen Zeit und Raum:
Die Zeit wird immer wichtiger, Entscheidungen müssen immer
schneller getroffen und umgesetzt werden. Der Raum wird hingegen
immer unwichtiger. Ob der Chef im Zimmer nebenan oder auf der anderen
Seite der Erdkugel sitzt, spielt für Entscheidungsprozesse
heute nahezu keine Rolle mehr.
Was hat das
für gesellschaftliche Auswirkungen? Ein wichtiger Trend ist
bereits erkennbar: Die Landflucht wandelt sich in eine Stadtflucht.
Man wohnt und arbeitet im Grünen, genießt die ländliche
Ruhe und die (noch) günstigen Lebenskosten. Aber nicht nur
einzelne Mitarbeiter, auch ganze Firmen nutzen die räumliche
Ungebundenheit. Dann liegt die Firmenzentrale eben nicht mehr in
München oder Frankfurt, sondern im Westerwald natürlich
mit einem möglichst guten Anschluss an die Bundesautobahn und
einem noch besseren an die Datenautobahn. Die Irish Development
Agency (IDA) hat vor etwa drei Jahren die Förderung von Unternehmensansiedlungen
in Dublin eingestellt. Gefördert wird nur noch, wer Arbeitsplätze
im ländlichen Raum schafft.
Es gibt aber
auch gegenläufige Trends: Aus Amerika wird über erste
Meinungsumfragen berichtet, die zeigen, dass berufstätige Mütter
immer häufiger lieber ins Büro fahren, um dort in Ruhe
und ungestört durch die Familie arbeiten zu können. Und
die Firma CISCO, von der man eigentlich eine Vorreiterrolle im Bereich
der Telearbeit erwarten würde, baut gerade mitten im Silicon
Valley einen gewaltigen Bürokomplex, um die Mitarbeiter wieder
an einem Ort zusammenzuführen. Dies geschieht übrigens
ganz klar im Hinblick auf eine Optimierung des Wissensmanagements.
Der Wissensaustausch hat trotz effizienter und durchdachter elektronischer
Kommunikationsstrukturen bei der Telearbeit offensichtlich nicht
so funktioniert, wie es für ein Hightech-Unternehmen erforderlich
ist.
Telearbeit
funktioniert nur dann, wenn die Nabelschnur erhalten bleibt. Und
diese Nabelschnur darf nicht ausschließlich aus einem Glasfaserkabel
bestehen. Telearbeiter müssen im sozialen Netz, müssen
im persönlichen Kommunikationsnetz und müssen im Beziehungsgeflecht
ihres Unternehmens verankert bleiben. Nur dann ist ein Wissensaustausch,
nur so ist ein Wissensmanagement möglich. Lesen
Sie dazu auch Telearbeit
Wissensmanagement macht's möglich.
Viel Spaß
bei der Lektüre wünscht Ihnen
Dr. Wolfgang
Sturz
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