Seit einigen Jahren wird Erzählen immer häufiger bewusst und strategisch in Organisations- und Veränderungsprozessen integriert. Das notwendige Rüstzeug für dieses Wissensmanagement-Tool liefert die Methode Storytelling. Sie kann rasch und ohne großen Schulungsaufwand von jeder Führungskraft und jedem Projektmanager erlernt und angewendet werden. Der entscheidende Vorteil dabei: Anders als strukturierte Interviews erlaubt Storytelling den Mitarbeitern frei und authentisch die Dinge aus ihrer Sicht zu beschreiben.
Ein bekannter Lehrsatz lautet, „wer fragt der führt“; bei Storytelling gilt, „wer zuhört, lernt die Mitarbeiter und damit den Geist des Unternehmens und seine ungeschriebenen Gesetze kennen und verstehen“. Die Aufgabe des Zuhörers – beispielsweise des Projektleiters – ist es anschließend, aus den zahlreichen Geschichten die markantesten und für den Veränderungsprozess relevanten Informationen zusammenzufassen. So werden auch verdeckte Zusammenhänge und tiefer liegende Probleme und Organisationshindernisse für alle deutlich sichtbar. Denn Geschichten erzählen nämlich nicht nur das was, sondern auch das warum. Fragebögen und klassische Interviews stoßen hier oft an Grenzen: Schwer fassbares oder individuelles Wissen der Mitarbeiter bleibt hier außen vor, ebenso Werte oder Normen, die das Denken und Handeln der Mitarbeiter bestimmen.
Doch leistet Storytelling nicht nur in der Analyse- und Konzeptionsphase wertvolle Dienste sondern auch in der Implementierungsphase. Geschichten schaffen Bilder im Kopf, die stärker sind als Zahlen, Fakten oder Statistiken. Sie können selbst unwillige und desinteressierte Menschen begeistern und motivieren. Vera F. Birkenbihl bringt die Wirkung auf den Punkt: „Durch Stories sehen wir die Welt. Wenn eine Story unser Herz und Hirn bewegt, dann hat sie in uns eine Bereitschaft geschaffen, etwas zu verändern.“ Ein Vorgang, der jedem vertraut ist, macht dies deutlich: Im Anschluss an eine komplexe Besprechung wird das aufwendige erstellte Protokoll oft nur flüchtig gelesen – und vergessen. Anders wenn ein Kollege lebhaft und engagiert darüber berichtet: Die Zuhörer lauschen gebannt und können sich lange an das Erzählte erinnern. Sein „Vortrag“ füllt die Fakten mit Leben und erreicht dadurch sowohl den Verstand als auch das Gefühl seiner Zuhörer; beste Voraussetzungen für eine Verankerung im Langzeitgedächtnis und entsprechendes Handeln.