Als das Marktforschungsinstitut Gartner im vergangenen Herbst die wichtigsten IT-Trends 2008 präsentierte, fielen Namen wie Mashup & Composite-Applikationen oder Web-orientierte Architekturen (WOA). Aber wie realistisch sind diese Internet-Trends tatsächlich? Eigenen sie sich für die organisatorische Wissensarbeit? Und wie sieht die derzeitige Web-Praxis in den Unternehmen aus? Die gute Nachricht: Es gibt keinen dominierenden technologischen Trend, der alle anderen ausradiert. Die schlechte Nachricht: Es gibt überhaupt keinen klaren Trend für Web-Anwendungen, sondern zahlreiche Einzeltrends. Diese Tatsache führt zu einer großen Verunsicherung bei CIOs und IT-Verantwortlichen. Denn welche Technologien und Standards für die nächsten Jahre bei Web-Anwendungen maßgebend sein werden, kann heute niemand beantworten. Nur eines ist klar: Die Komplexität der Applikationen wird massiv zunehmen.
SOA oder WOA: Das Konzept der service-orientierten Architekturen (SOA), um die Systeme dem Workflow anzupassen, ist in aller Munde. Und Gartner sieht bereits den Nachfolger am Horizont: WOA (Web-orientierte Architekturen). Laut Empirix, Spezialist für Testing und Monitoring von Web- und VoIP-Applikationen, hat sich SOA noch längst nicht etabliert. Vielmehr werden einzelne Systembereiche in den Unternehmen unter SOA-Gesichtspunkten aufgesetzt, aber den großen Umbau scheuen die meisten getreu dem Motto: Never change a running system. Von WOA kann noch gar nicht die Rede sein.
Social Networking auf dem Siegeszug: Das virtuelle Anbandeln, Austauschen und Kommunizieren ist derzeit tonangebend im Web. Aber auch die Bereiche Gaming, Shopping, Travel und E-Learning boomen weiterhin – alles Anwendungen, die einen hohen Grad an Interaktivität erfordern. Die Kehrseite: Downtimes werden sich deutlich vermehren, denn die Komplexität der Applikationen und die hohen Nutzerzahlen haben ihren Preis. Und der Datenschutz wird immer prekärer.
Open Source als Retter in der Not: Eine klare Antwort auf die derzeitige Verunsicherung in Sachen Technologietrends ist die zunehmende Bedeutung von Open-Source-Lösungen und -Plattformen. Diese bieten Unternehmen neue Freiheitsgrade bei der Gestaltung und Qualitätssicherung ihrer Web-Anwendungen. Die Open-Source-Community erhält aber auch durch den steigenden Kostendruck zunehmenden Auftrieb. Denn im Gegensatz zu proprietären Lösungen liefern sie nicht nur mehr Gestaltungsspielraum, sondern sind auch kostengünstiger.
Die Globalisierung schlägt zurück: Die Mehrheit der Unternehmen testend die Qualität von Web-Applikationen immer noch manuell. Das ist insofern erstaunlich, als es mittlerweile eine ganze Reihe exzellenter Lösungen am Markt gibt, die stupides und zeitaufwändiges manuelles Testen obsolet machen. Doch scheinen es viele – oft auch große – Firmen zu bevorzugen, ganze Heere an Offshore-Teams einzusetzen, die rund um die Uhr manuelle Tests durchführen. Größte Schwierigkeit bei diesen Multizone-Lösungen: Verständigungsprobleme.
Der Ruf nach Software-Standards wird lauter: Es gibt wohl kaum eine Industrie, die nicht ihre verbindlichen und klar definierten Qualitätsstandards hat – mit Ausnahme der Software-Industrie. Wer schlecht programmierte Software vertreibt, kann dafür bis heute kaum geahndet werden. So fortschrittlich diese Industrie auch ist, vor verbindlichen Standards hat sie sich bislang elegant gedrückt. Das sollte und wird in den nächsten Jahren ändern. Denn sowohl vom Gesetzgeber als auch von Kundenseite wächst der Druck nach verbindlichen Standards.