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Start : Online Magazin : Archiv : 2002 : Ausgabe März/April : Wissensmanagement in Online-Medien

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Wissensmanagement in Online-Medien

 

Von Matthias Hattemer

Inhaltsübersicht:

Die Darstellung von Zusammenhängen, die sich an den fachlichen Aufgaben, den Erwartungshaltungen und den Erfahrungen bzw. dem Vorwissen der Benutzer orientiert, wird zunehmend zur zentralen Anforderung an Online-Dokumentationen. So muss etwa eine Online-Hilfe nicht nur Informationen bereitstellen, sondern in erster Linie Wissen vermitteln. Darstellungsmethoden, die sich an den Erkenntnissen der kognitiven Psychologie und des Wissensmanagements orientieren, werden daher auch für das Online-Medium immer wichtiger.


Was haben Online-Medien mit Wissen zu tun?

Im Gegensatz zu technischen Geräten wie beispielsweise Auto, Video-Kamera oder Stereo-Anlage lässt sich der Zweck und das Einsatzgebiet von Software nicht aus der Technik ableiten. Der Diskette oder der CD sieht man nicht an, was das installationsbereite Programm überhaupt leistet und ob es besonders komplex oder komfortabel bzw. teuer oder günstig ist.

Gerade weil Software-Programme sich nicht aus sich selbst heraus erschließen, sondern erst in der Begegnung mit einer konkreten Arbeitssituation, spielt die Dokumentation eine entscheidende Rolle. Sie hat nicht primär die Aufgabe zu erklären, wie etwas funktioniert, sondern warum oder in welchem Zusammenhang bzw. vor dem Hintergrund welcher fachlichen Anforderung etwas mit einer Software gemacht werden kann. Ein Beispiel: Die Betriebsanleitung für ein Auto wird üblicherweise dann zur Hand genommen, wenn der Fahrer z.B. wissen will, wie er Sitze verstellen kann, wann und wie er welche Wartungsarbeiten durchführen muss oder wie er den Sender seines Radios einstellt. Aber er erwartet keine Hinweise darüber, in welcher Situation er den Rückwärtsgang einlegen oder wie er sich in dichtem Verkehr verhalten muss. Pointiert gesagt sind es aber gerade solche Wissenselemente, die in Software-Dokumentationen und Online-Hilfen stehen müssen. Wer beispielsweise mit Microsoft Word in einem Dokument Grafiken einbauen will, dem stehen dazu insgesamt fünf Techniken zur Verfügung, wobei jede Technik ein etwas anderes Ergebnis liefert. Der Anwender dieser Software muss also wissen, worin sich diese Techniken unterscheiden und in welchen Anwendungssituationen der einen oder der anderen Technik der Vorzug zu geben ist.

Eine Dokumentation – ob online oder in gedruckter Form – schlägt also die Brücke zwischen Anwendung und Technik, zwischen Praxis und Theorie, zwischen konkreter Arbeitswirklichkeit und Modell. Wenn sie ihrer Aufgabe gerecht werden soll, muss sie daher nicht nur das Wissen offenlegen, das in der Software steckt, sondern auch das Wissen so aufbereiten, dass sich der Anwender einer Software darin wiederfindet.

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Methoden der Wissensvermittlung

Wie und mit welchen Darstellungsmethoden kann Wissen in einem Online-Medium angemessen dargestellt und präsentiert werden? Diese Problematik wird im Folgenden von zwei Fragestellungen aus betrachtet:

  • Wie kann die Aufnahme von Wissen so gesteuert werden, dass sie den Prozess des Verstehens so gut wie möglich unterstützt? Für diese Frage sind Erkenntnisse aus dem Fachgebiet der kognitiven Psychologie sehr wichtig.
  • Welche technischen Möglichkeiten bieten sich im Online-Medium, um Wissenselemente gezielt abrufbar zu machen?

Eine Person, die Wissen aufnehmen und verstehen will, bewegt sich nicht im geistigen Niemandsland, sondern hat schon eine gewisse Orientierung und sozusagen eine räumliche Vorstellung von dem, was sie erfahren wird. Die kognitive Psychologie hat in den letzten Jahren erforscht, wie das Gehirn seine Orientierungsaufgabe löst. Eine wesentliche Erkenntnis ist, dass es bei neuen Informationen zuerst versucht, einen kognitiven Rahmen zu finden oder zu konstruieren, in dem die Detailfülle eingeordnet werden kann: "Es ist also keineswegs so, dass wir beim Verstehen ein Detail nach dem anderen aufnehmen und daraus nach und nach ein Gesamt entsteht. So arbeitet ein Scanner, nicht das Gehirn. Vielmehr entwickeln wir bereits nach wenigen Informationen Annahmen über das Gesamt und ordnen die folgenden Daten in diesen Rahmen ein" [1].

Das bedeutet für das Online-Medium: Die Begriffe oder Verfahren der DV-Technik oder auch Details zu Dialogfenstern oder anderen Elementen der Benutzeroberfläche dürfen nicht im Vordergrund stehen, da sie Gefahr laufen, im kognitiven Rahmen des Anwenders keinen Halt zu finden. Dagegen erhält die Darstellung von Zusammenhängen, die sich an den fachlichen Aufgaben, den Erwartungshaltungen und Erfahrungen bzw. dem Vorwissen des Benutzers orientiert, einen zentralen Stellenwert innerhalb einer Dokumentation.

Diese Aufgabe kann gerade bei komplexer Software nur dann erfüllt werden, wenn im Online-Medium Darstellungsmethoden zum Einsatz kommen, die Wissen und Wissenselemente in Schichten deutlich voneinander abheben. Die Verwendung von Registerkarten ist ein solches Mittel. Hier steht das fachliche Wissen mit seinen zentralen Aspekten im Vordergrund. Der Leser einer Online-Hilfe beispielsweise kann dank einer solchen Darstellung von Wissen auf einen Blick erkennen, welcher Aspekt für ihn wichtig und weiterführend ist und in welchem übergeordneten Zusammenhang sich dieses Wissenselement befindet. Mit einer solchen Methode lässt sich Wissen, das sich über viele hundert Druckseiten erstrecken kann, übersichtlich strukturieren.

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Durch Registerkarten kann selbst umfangreiches Wissen im Online-Medium übersichtlich präsentiert werden.

Darüber hinaus verfügen Online-Dokumentationen über ein reichhaltiges Instrumentarium, um vor- und nachgelagertes Wissen zu steuern:

  • Vorgelagertes Wissen – z.B. typische Bedientechniken wie Suchen, Filtern, Ändern, Löschen – lässt sich üblicherweise über klassische Hyperlinks abrufen. Denn dem Anwender ist in diesem Fall klar, dass er Kenntnisse, die aus dem eigentlichen fachlichen Zusammenhang herausfallen, in einem anderen Kontext nachlesen kann.
  • Anders verhält es sich bei konkreten Handlungsanweisungen oder Kochrezepten. Hierbei handelt es sich um nachgelagertes Wissen, also um Wissen, das erst dann in einen kognitiven Rahmen eingeordnet werden kann, wenn der Anwendungsfall klar ist und der Benutzer genau weiß, warum er bestimmte Arbeitsschritte durchlaufen muss. Solches Wissen kann sinnvollerweise in einem zweiten Fenster präsentiert werden. Das bedeutet: Der ursprüngliche Kontext, aus dem heraus ein konkreter Arbeitsablauf aufgerufen wird, bleibt weiterhin sichtbar und der Anwender kehrt ohne weitere Navigation unmittelbar wieder in diesen fachlichen Zusammenhang zurück.

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Medium und Message

Neben Registerkarten oder der Verwendung zweiter Fenster verfügt das Online-Medium über viele weitere Möglichkeiten, Wissen oder Wissenselemente mediengerecht darzustellen. Unter anderem haben sich folgende Mittel in der Praxis bewährt:

  • interaktive Elemente: Wissenselemente bleiben kompakt; Details oder weiterführende Informationen werden nur dem zugänglich gemacht, der sie aktiv anfordert.
  • Grafiken mit sensitiven Flächen: Grafiken, die einen Arbeitsprozess visualisieren, oder Screenshots, die Benutzereingaben steuern, werden erheblich aufgewertet, wenn sie nicht nur illustrieren, sondern für die Navigation genutzt werden.

Dennoch: Online-Hilfen sind als Medium zum Verstehen längerer und komplexer Themen kein Universalmittel. Andere Medien wie Druckwerke, grafische Vorträge (Slideshows) oder auch Videos können ein Online-Medium ideal ergänzen. Nun spricht aber dieser Befund nicht gegen, sondern für Online-Medien. Denn Dateien in einem beliebigen Format, wie beispielsweise DOC, PDF, PPT, VID oder auch XLS, lassen sich im so genannten Cross-Media-Publishing problemlos integrieren, und der Leser kann sie aus der Online-Hilfe direkt aufrufen.

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Literatur:

[1] Weidenmann, B.: Psychologie des Nichtverstehens. In: tekom-Schriften zur technischen Kommunikation. Bd. 1: Verständlichkeit und Nutzungsfreundlichkeit von technischer Dokumentation. Lübeck 1999, S. 34-49.

[2] Ballstaedt, S.-P.: Wissensvermittlung. Weinheim 1997.

[3] Reinmann-Rothmeier, G./Mandl, H.: Individuelles Wissensmanagement: Strategien für den persönlichen Umgang mit Information und Wissen am Arbeitsplatz. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle 2000.

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Letzte Änderung: 24.07.2006 | Impressum | Kontakt

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