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Start : Online Magazin : Archiv : 2001 : Ausgabe Januar/Februar : Moderation

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Moderation von virtuellen Lerngruppen-Konferenzen

Von Frank Drecoll

Inhaltsübersicht:

Auch in Online-Lerngruppen entwickelt sich eine Praxis des Teilens von Wissen und Erfahrung nicht im Selbstlauf. Die bloße Bereitstellung der technischen Möglichkeiten reicht nicht aus. Der beteiligungsorientierte Ansatz der Moderationsmethode besteht darin, Gruppen dazu anzuregen, sich auf ihre eigene Problemlösungskompetenz zu konzentrieren. Aus Sicht des Einzelnen bedeutet dies, seine Erfahrungen und sein Wissen einzubringen und dabei die Erfahrung zu machen, dass Wissenteilen sich lohnen kann. Im Rahmen von Wissensmanagement beweist die Moderationsmethode hier erneut Aktualität.

Grundsätzlich eignet sich Moderation immer dann, wenn im Rahmen von Konferenzen kooperativ eigenständige Lösungen erarbeitet werden sollen. Im Folgenden finden Sie eine (idealtypische) Planung einer mehrstufigen Moderationssequenz. In der Praxis können auch einzelne Phasen bzw. einzelne Fragemethoden zum Einsatz kommen. Zur Durchführung empfiehlt sich eine Kombination von Whiteboard (einer Art virtuellen Pinnwand) und Audiokonferenz bzw. einer separat geschalteten, normalen Telefonkonferenz. Mit Mut zur Improvisation ist auch die Kombination Whiteboard/Textkonferenz möglich. In einer reinen Textkonferenz (ohne Whiteboard) ist jedoch nur die Zuruffrage sinnvoll einsetzbar.


Die Einstiegsphase

Begrüßung

Empfangen Sie Ihre Gruppenteilnehmer mit einem gestalteten Begrüßungs-Poster auf dem Whiteboard. Das signalisiert: Sie haben sich vorbereitet und wollen eine positive, offene Atmosphäre schaffen.


Ziele und Ablauf: die Zuruffrage

Stellen Sie Transparenz her bezüglich der Sitzungszeit, mit gegebenenfalls einer Pause (mehr als 1 Stunde ohne Pause ist für virtuelle Meetings kaum produktiv). Stellen Sie mit einem weiteren Poster die Zielsetzung und den Ablauf der Sitzung vor. Es sollte deutlich werden, was durch die Gruppensitzung erreicht werden soll. Eröffnen Sie jetzt die Tagesordnung und fragen Sie nach Erwartungen oder gezielten Vorschlägen zur Ergänzung. Nehmen Sie die Ergänzungen auf.

Tipps zur Umsetzung der Zuruffrage

Zuruf per Gruppenchat:
Die so erweiterte Agenda ist leider nicht konstant während der Konferenz sichtbar. Sie steht auch nicht untereinander. Ein Whiteboard wäre hier wünschenswert. Listen Sie aber in jedem Fall die Agenda inklusive der neuen Topics noch einmal auf.


Zuruf per Whiteboard
Durch die Funktion des Sharings können die Teilnehmer die Agenda unmittelbar am Whiteboard schreibend ergänzen. Moderieren Sie die Reihenfolge der Topics.

Zuruf per Audio:
Schreiben Sie stellvertretend die zugerufenen Ergänzungen ans Whiteboard.


Warming-Up: die Einpunktfrage

Stellen Sie über die Einpunktfrage ein Meinungsbild her oder machen Sie hierüber die Betroffenheit der Gruppenmitglieder zum fraglichen Thema transparent. Sie schaffen damit eine Atmosphäre der Offenheit und eröffnen zugleich das themenbezogene Gespräch. Achten Sie bei der Formulierung der zu bepunktenden These darauf, dass sich zustimmende und ablehnende Haltungen in etwa die Waage halten. Das bringt eine kontroverse Diskussion in Gang.

Tipps zur Umsetzung der Einpunktfrage

Bereiten Sie eine Grafik für die Einpunktfrage am Whiteboard vor. Schalten Sie den Malstift für alle Teilnehmer frei und geben Sie das Startkommando. Behelfsweise lassen Sie die Punkte verbal (per Chat oder Audio) vergeben und setzen den Punkt selbst grafisch um. (Der HPVC von Hewlett Packard z.B. hält einen speziellen Fragebogen-Generator für so genannte Umfragen bereit. Diese Funktion lässt sich für die Einpunktfrage hervorragend nutzen.)

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Die Sammel- oder Orientierungsphase

Brainstorming: die Zuruffrage

Hier geht es zunächst darum, Aspekte zu sammeln, dann ein Problembewusstsein bezüglich der Fragestellung zu entwickeln und die Ressourcen der Gruppe zu aktivieren. Wenn die Beantwortung der Frage nicht viel Åberlegung erfordert, sondern mit Spontaneität mehr erreicht wird, dann setzen Sie jetzt die Zuruffrage ein. Die Zurufe können sowohl schriftlich (per Chat) als auch via Audio erfolgen. Notieren Sie schnell in knappen Worten, möglichst nah an der wörtlichen Formulierung des Rufers. Fragen Sie zurück, wenn Sie meinen, der Zuruf bedürfe zum besseren Verständnis der Präzisierung. Aber werten Sie nicht!


Erstes Vertiefen: die Kartenfrage

Da die Antwort-Karten ohne Zeitdruck von jedem selbst vorbereitet werden, gewährleistet die Kartenfrage einen höheren Grad an Reflexion als die Zuruffrage. Sie dient der breiten Auffächerung und der ersten Vertiefung der aufgeworfenen Fragestellung. Meinungen, Aspekte, Ideen, Lösungsansätze lassen sich auf diesem Weg sammeln und anschließend themenbezogen am Whiteboard gruppieren. Erläutern Sie die am Whiteboard visualisierte Einstiegsfrage gegebenenfalls kurz und fragen Sie, ob die Frage verständlich ist. Jetzt geben Sie folgende Arbeitsanweisungen:

  • Pro Karte nur ein Gedanke!
  • Halbsatz statt Schlagwort (nicht mehr als ca. 7 Wörter)!
  • Pro Teilnehmer ca. 5 (oder mehr) Karten schreiben!

Da ein einfaches Whiteboard keine Möglichkeit zum verdeckten Vorbereiten von Karten und anschließenden Versenden und zeitgleichen Aufblenden aller Karten bietet, empfiehlt sich die Vorbereitung der individuellen Antworten zunächst auf Papier. Fragen Sie nach ein paar Minuten, ob keiner mehr schreibt. Wenn alle fertig sind, fordern Sie die Teilnehmer auf, ihre vorbereiteten Antworten auf das Whiteboard zu schreiben. Zeigen Sie anschließend auf jede einzelne Antwort und lesen Sie sie vor. Schieben Sie dabei die Antworten zu thematisch verwandten Clustern zusammen.


Tipps zur Umsetzung der Kartenfrage

Wahrung von Anonymität:
Fordern Sie bei diesem Alternativverfahren die Teilnehmer auf, fünf vorbereitete Anworten über das so genannte Flüster-Chat-Fenster anonym an Sie zu schicken. Erfassen Sie dann jede Karte neu am Whiteboard und lesen Sie sie dabei vor. Diese Variante orientiert sich an den Regeln der Moderationsmethode. Durch Schutz der Anonymität werden auch zurückhaltende Teilnehmer einbezogen und Meinungsführerschaften vermieden.

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Die Kartenfrage am Whiteboard – hier im Rahmen einer Videokonferenz



Gewichtungs- und Mehrpunktfrage:

Der nächste Schritt dient der Ermittlung der Interessenlage und der zeitlichen Prioritäten für ein vertieftes Bearbeiten und Problemlösen in Kleingruppen. Jeder Teilnehmer erhält z.B. 5 Punkte, mit denen er die Cluster bewertet. Bevor Sie zum gemeinsamen Punkten auf dem Whiteboard auffordern, treffen Sie eine Vorbereitung. Geben Sie jedem Cluster eine Nummer und eine bezeichnende Åberschrift (möglichst gemeinsam mit der Gruppe). Durch Verteilen der Punkte entsteht eine Rangreihe. Die höchstgepunkteten Themen werden für eine vertiefte Bearbeitung in Kleingruppen herangezogen. Jetzt brauchen Sie nur noch die Namen von Themen-Interessenten zu sammeln und die Kleingruppen stehen fest.

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Die Abschlussphase

Regen Sie an, zur Befindlichkeit der Teilnehmer ein kurzes Blitzlicht herzustellen. Mögliche Frage: "Mit welchen Gefühlen verlassen Sie den virtuellen Gruppenraum?" Nicht unwesentlich für den Erfolg von Moderation nach der Moderationsmethode ist die sorgfältige Formulierung der moderatorischen Fragen. Es gelten folgende Erfahrungswerte:

  • Frage offen und relativ konkret stellen. Sie sollte durch mehrere Antworten beantwortet werden können, jedoch keine Gemeinplätze provozieren.
  • Die Frage kurz formulieren.
  • Den Teilnehmer persönlich ansprechen und betroffen machen.
  • Die Frage sollte keine Expertenfrage sein, sondern Meinungen, Befindlichkeiten und Ideen herauslocken. Jeder sollte antworten können.

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Seitenblick

Den vollständigen Beitrag von Frank Drecoll mit interessanten Thesen zu Besonderheiten der Kommunikation in Chats oder Multipoint-Videokonferenzen und vielem mehr finden Sie in Heft 1 Januar 2001 von wissensmanagement – Das Magazin für Führungskräfte.

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Literatur

Alexander, W./Higgison, C./Mogey, N.: Videoconferencing in Teaching und Learning. Case-Studies. Edinburgh: LTDI & TALiSMAN University of Edinburgh 1999.

Dillenbourg, P. (Hrsg.): Collaborative learning: cognitive and computational approaches. Amsterdam: Pergamon 1999.

Fischer, F./Mandl, H.: Being there or being where? Videoconferencing and cooperative learning. Research report Nr. 122. München: Ludwig-Maximilians-Universität, Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie 2000.

Freimuth, J./Ziehr, S./Wierwille, A.: Moderationsmethode. Ein interaktives Lernprogramm für moderierte Gruppenarbeit auf CD-ROM. Rellingen: Nitor.

Gudjons, H. (Hrsg.): Die Moderationsmethode in Schule und Unterricht. Hamburg 1998.

Hesse, F.W./Garsoffky, B./Hron, A.: Interface-Design für computerunterstütztes kooperatives Lernen. In: Issing, L.J./Klimsa, P. (Hrsg.): Information und Lernen mit Multimedia. Weinheim 1995, S. 253-267.

Maaß, S.: Computergestützte Kommunikation und Kooperation. In: Oberquelle, H. (Hrsg.): Kooperative Arbeit und Computerunterstützung. Stuttgart: Hogrefe 1991, S. 11-35.

Mandl, H./Fischer, F.: Mapping-Techniken und Begriffsnetze in Lern- und Kooperationsprozessen. In: Mandl, H./Fischer, F. (Hrsg.): Wissen sichtbar machen. Wissensmanagement mit Mapping-Techniken. Göttingen 2000, S. 3-12.

Uhter, P.: Entwicklung eines Computerconferencing-Prototypen auf der Basis einer vergleichenden Analyse mit Face-to-Face-Konferenzen. Diplomarbeit: Universität Bremen, Fachbereich Informatik 2000.

Weinig, K.: Wie Technik Kommunikation verändert: Das Beispiel Videokonferenz. Münster: LIT 1996.

Ziehr, S.: Moderation ist kein Kartenspiel. In: wissensmanagement – Das Magazin für Führungskräfte 1/1999, S. 44-46.

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