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Start : Online Magazin : Archiv : 1999 : Ausgabe Oktober/November : multimedialen Lernens

Vorteile, Arten und Grenzen multimedialen Lernens

Von Hans Gieringer

Inhaltsübersicht:

In der jüngsten Vergangenheit hat die Wirtschaft die Idee des Lernens aus Eigeninitiative und in Selbstverantwortung aufgegriffen und zum Leitbild moderner Qualifizierungskonzepte erhoben. Selbstgesteuertes Lernen bzw. selbstorganisiertes Lernen am Arbeitsplatz oder zu Hause rangieren in der Gunst vieler Unternehmen inzwischen vor Seminaren und Frontalunterricht klassischen Zuschnitts.

Große Hoffnungen setzen die Unternehmen dabei auf die Möglichkeiten von Multimedia und Computer Based Training (CBT). Die neuen Techniken sollen das selbstgesteuerte Lernen attraktiv machen und bereits etablierte Konzepte wie Gruppen- und Projektarbeiten oder leittextunterstütztes Learning on the job ergänzen.

Multimediales Lernen ist im Prinzip die Fortführung von bereits bekannten Lernformen auf digitaler Ebene. Während die ersten CBTs in ihrem Aufbau noch an Lehrbücher erinnerten, entwickelten sich diese Anwendungen in den letzten Jahren zu interaktiven Lernspielwiesen auf hohem Niveau.

Multimediales Lernen gehört zu den Trendsettern der zukünftigen Weiterbildung. Kaum jemand, der sich beruflich mit Weiterbildungsfragen auseinandersetzt, wird sich dieser Thematik dauerhaft verschließen können.
 

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Arten multimedialen Lernens

1995 wurde der Begriff “Multimedia” zum Wort des Jahres gekürt; die Diskussionen um Sinn und Unsinn wogten hoch. Hat die Werbeindustrie lediglich ein neues Vermarktungsschlagwort gefunden, oder ergeben sich aus der Verschmelzung der AV- (audiovisuellen) und EDV-Techniken nicht auch neue Möglichkeiten für die Wissensvermittlung?

“Multimedia ähnelt der Liebe von Teenagern: Jeder denkt daran, jeder glaubt, der andere tut es, alle reden davon, aber keiner macht es wirklich – und die wenigen, die es doch tun, sind nicht sehr erfolgreich. Aber alle hoffen, dass es großartig sein wird, wenn sie endlich wissen, was Sache ist.” Soweit Helmut Thoma, ehemaliger Geschäftsführer des Fernsehsenders RTL zu diesem Thema. Man darf Herrn Thoma unterstellen, dass er bei diesen Worten die digitale Aufbereitung und die bedingten Interaktionen bei Fernsehübertragungen im Auge hatte, und weniger die Nutzung von multimedialen Lernsystemen am PC.

Die ersten Anwendungen entstanden Mitte der 80er Jahre. Nach dem Ein- und Siegeszug der Personalcomputer wurden schnell Übungsprogramme entwickelt. Dabei übernahm man zunächst vorhandene Printmedien einfach auf Datenträger. Somit entstanden elektronische Blätter- oder Übungsmaschinen, die überwiegend zum Vokabelnlernen und zur Vermittlung kognitiven Wissens eingesetzt wurden. Das Arbeiten mit dem Rechenschieber oder Prozentrechnen sind Beispiele dieser sogenannten “Practice and Drill”-Programme, wie sie von Franz Schanda (PRO LERNEN, München-Lohhof) und Jens-Uwe Martens (IWL, München) beschrieben werden.

Etwas aufwendiger in der Machart sind die tutoriellen Programme, wobei die linearen Anwendungen nach wie vor die Mehrheit bilden. Darin wird der Lerner durch die Materie geführt und erhält viele Sachinformationen – jedoch mit erschreckend wenig oder gar keiner Interaktion.

Dies erfüllen erst die multifunktionalen Programme. Hier erhält der Lerner freie Bewegungs- und Sprungmöglichkeiten durch das Programm. Er wird durch Abfragen aufgefordert Antworten einzugeben und bekommt praktische Anwendungsmöglichkeiten, Feedbacks und Empfehlungen angezeigt.

Die intelligenten tutoriellen Systeme ahmen die Vorgehensweise eines persönlichen Lehrers nach: Sie ermöglichen über einen Einstufungstest die unterschiedliche Aufbereitung des Lernstoffs in Abhängigkeit von den Ergebnissen des Lerners. Konkret bedeutet dies, dass ein Lerner mit hohem Wissenstand eine Empfehlung erhält, bestimmte Module des Lernprogramms nicht mehr durcharbeiten zu müssen; diese werden einem Lerner mit schwachem Ergebnis beim Einstufungstest wiederum besonders empfohlen.

Ein besonderer Vorteil dieser intelligenten Anwendungen liegt darin, dass Simulationen in verschiedenen Abläufen präsentiert werden können. Folgendes Beispiel aus einem CBT, das dem Lerner zu einer verbesserten Kommunikation verhelfen soll, verdeutlicht dies: Ein sehr zurückhaltender, unentschlossener Kunde betritt ein Reisebüro und hat keine gezielte Vorstellung, wie und wo er seinen Urlaub verbringen will. Je nach Art der Fragestellungen, die ausschließlich vom Lerner interaktiv gesteuert werden, entlockt die Reisekauffrau ihm so wenige belanglose bzw. so viele bedeutende Informationen, dass der Kunde entweder frustriert das Reisebüro verlässt oder aber seinen Traumurlaub bucht. Nach den ersten Fehlstarts und durch mehrfaches Wiederholen der Simulation mit jeweils anderen, überraschenden Reaktionen des Kunden erkennt der Lerner, dass geschickte Fragetechniken und gutes Zuhören in der verbalen Kommunikation zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Intelligente multimediale Programme sind gespickt mit Interaktionen und entsprechenden Feedbacks, die dem Lerner die Richtigkeit seiner Antworten bestätigen. In keinem Videofilm hätten diese verschiedenartigen Sequenzen aufgrund der fehlenden Interaktionsmöglichkeiten dargestellt werden können. Ein klassischer Vorteil des computer-basierten Lernens!

Auch wenn der Ausdruck “intelligent” ein wenig hoch gegriffen ist, da er im Sprachgebrauch der EDV sofort fälschlicherweise mit künstlicher Intelligenz in Verbindung gebracht wird, sollte man sich als Weiterbilder bei der Auswahl von CBTs nicht mit weniger zufrieden geben.

Simulations- oder Planspiele bilden die hohe Schule des computerunterstützten Lernens. Die Deutsche Planspielzentrale (DPSZ) wurde vor über 10 Jahren von W.E. Rohn in Wuppertal gegründet. Das alljährlich stattfindende Planspielforum erfreut sich steigender Beliebtheit im Erwachsenenbildungs-Markt. Von den über 400 bekannten Planspielen sind ca. 10% abrufbare Standards, die von der Deutschen Planspielzentrale empfohlen werden. Der Schwerpunkt dabei ist der Erwerb von Wissen und Fähigkeiten durch das Vorgeben einer Handlungs- oder Testsituation. Der Lerner hat die Aufgabe, Problemsituationen zu bewältigen, indem er in komplexe Geschehensabläufe direkt eingreifen kann. Die simulierte Teilrealität, die für die jeweilige Zielgruppe relevant ist, fordert Denken und Verhalten, dem man sich nicht entziehen kann. Betroffenheit in einem globalen Zusammenhang konfrontiert den Einzelnen mit den Konsequenzen seiner selbst getroffenen Entscheidungen.

Hypermedia-Programme runden das multimediale Angebot ab. Diese Programme ermöglichen ein völlig freies Navigieren durch das gesamte Informationsgebiet. Die Lerner können sich – ähnlich wie bei einem interaktiven Lexikon – innerhalb eines Themengebietes auf beliebige Weise informieren und dabei über Querverweise entsprechend ihren Bedürfnissen das Gebiet ihrer Wahl erkunden.

Der am schnellsten expandierende Markt der Welt befindet sich derzeit im Internet. Schon heute ist das Internet das bedeutendste Medium für Kommunikation, Information und Verteilung. Dem Lernen im Netz eröffnet sich somit ein riesiger Kundenkreis, den das sogenannte Web Based Training (WBT) versorgt.

WBT ist eine Weiterentwicklung des Computer Based Trainings unter zwei Aspekten:

  • zum einen in Bezug auf die technischen Voraussetzungen, um den Betrieb unter Internet-Minimalvoraussetzungen zu ermöglichen
  • zum anderen in Bezug auf die methodisch-didaktische Aufbereitung, die unter Netzbedingungen anders gestaltet sein muss, um eine optimale Performance zu erzielen

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Einordnung der verschiedenen Lernsysteme unter Berücksichtigung von: kognitiver Wissensvermittlung, Interaktion, freier Bewegungs- und Sprungmöglichkeit, Feedback, Komplexität des Informationsgebiets und Multimedia-Komponenten

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Vorteile multimedialen Lernens

Die Vorteile von multimedialen Lernsystemen sind in drei schlagkräftigen Argumenten zusammenzufassen:

  • Die Ausbildungsqualität steigt. Der Lerner erhält einen ganzheitlichen und bedarfsorientierten Überblick mit hoher Aktualität. Durch praxisbezogenes Lernen on demand und just in time entsteht eine erhöhte Bildungseffizienz.
  • Die Ausbildungszeit wird flexibler, da der Lerner sein Tempo und die erforderliche Zeit selbst bestimmt.

Die Ausbildungskosten reduzieren sich durch die unabhängige Wahl des Ausbildungsorts – sei es nun am Arbeitsplatz, im Selbstlernzentrum oder zu Hause. Ausfallzeiten und Reisekosten durch Seminarbesuche entfallen. Jeder Personalverantwortliche wird bestätigen, dass 50% der Kosten von externen Weiterbildungsmaßnahmen auf die Nebenkosten entfallen.

Viele Großunternehmen, wie die Deutsche Post AG, berichten über Einsparungen von mehr als 150 Millionen Mark durch den Einsatz von CBT. An über 2.000 Lernstationen haben sich Zusteller und Schalterbeamte in den letzten 5 Jahren mit der CBT-Serie CLIP (Computergestütztes Lernen im Postdienst) weitergebildet.

Banken, Versicherungen und Automobilhersteller zählten zu den ersten, die ihre Mitarbeiter mit CBT aus- und weiterbildeten. Bei General Motors lernen Mitarbeiter an rund 15.000 Lernstationen auf der ganzen Welt die jeweils neuesten Modell-Veränderungen. Ein Automodell wird bis zu fünfzig Mal im Jahr modifiziert. Wenn vom Kundendienstmonteur bis zum Verkäufer jeder Mitarbeiter persönlich geschult werden müsste, wären die Kosten enorm. Ein Lernprogramm mit den zielgruppenorientierten Neuerungen erfüllt denselben Zweck der Wissensvermittlung.

Lernprogramme sind übrigens nicht nur Unternehmen vorbehalten. Aus der aktuellen Markt- und Media-Studie “Allensbacher Computer- und Telekommunikations-Analyse” (ACTA), die das Marktforschungsinstitut Allensbach im Auftrag der deutschen Computerpresse unter 10.000 Mitbürgern im Alter von 14 bis 54 Jahren durchführte, geht hervor, dass mehr als jeder sechste Haushalt ein Lernprogramm auf CD-ROM besitzt und fast jeder fünfte ein Nachschlagewerk auf CD-ROM. Demnach hätten Lexika und Lernprogramme eine höhere Verbreitung als Abenteuer- und Geschicklichkeitsspiele.

Das englische Marktforschungsinstitut Datamonitor prognostizierte kürzlich, Deutschland werde im Jahr 2000 mit einem Anteil von 40% (heute 37%) den größten europäischen Markt für multimediales Lernen bilden und damit den jetzigen Marktführer England (heute 46%, im Jahr 2005 noch 27%) überholen. Demach werden im Jahr 2005 in Deutschland 4,6 Milliarden Mark mit CBT-Anwendungen umgesetzt. Wenn das kein Standortvorteil ist!
 

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Grenzen multimedialen Lernens

Es ist erstaunlich, welche Argumente gegen CBT ins Feld geführt werden. Oft genug stammen sie von Weiterbildern, die nicht von ihren traditionellen Maßnahmen lassen wollen und sich nie der Mühe einer kritischen inhaltlichen Auseinandersetzung mit Lernsystemen unterzogen. Dabei hätten sie so manche Ergänzungen zu ihren Trainings gefunden, die sie hervorragend zur Vor- oder Nachbereitung einsetzen könnten.

Allerdings gibt es tatsächlich einige Bereiche, in denen die Erwartungen in Lernprogramme zu hoch geschraubt sind:

  • Die elektronischen Medien ersetzen nie einen guten Coach, angeregte Diskussionen oder einen blendenden Vortrag. Wie sollten Lernprogramme das Erleben von Unternehmenskultur darstellen, mit rhetorischen Finessen glänzen oder Feinheiten der NLP-Techniken vermitteln?
  • Lernprogramme können keine spontanen Interaktionen und Fragestellungen, Verhaltensweisen und Werte vorleben, können nicht Vorbild, einfühlsam und mitfühlend sein, mit Gruppendynamik arbeiten und die sozialen Kontakte der Gruppe nutzen oder aus pädagogischen Gründen den Lerner provozieren. All das ist mit multimedialen Lernsystemen nicht trainier- und lernbar.
  • Lernprogramme erfordern technische Kompetenz und verursachen Kosten für die damit verbundene Computer-Ausstattung. Wer selten oder nie am PC gearbeitet hat, wird sich mit der Konzentration auf multimediales Lernen sehr schwer tun. Dies verstärkt sich progressiv durch die in hohem Maße erforderliche Selbstlernkompetenz.

Der verantwortungsvolle Weiterbilder wird deshalb sein Angebot an multimedialen Lernarrangements sorgfältig planen. Wenn ihm die Nachteile bekannt sind, ist der einfachste und sicherste Weg der Selbstversuch. Er sollte für sich ganz persönlich die Lernprogramme durcharbeiten – und zwar von A bis Z, um zu wissen, was sich darin verbirgt. Die dann jeweils passende Lernform und Lernorganisation zu finden, ist weniger risikoreich, als ein schlechtes Lernprogramm einzukaufen oder entwickeln zu lassen.

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Fazit

Der Bereitschaft einer Gesellschaft zu permanenter Fortbildung müssen Taten folgen. Diese liegen eindeutig in einer Vielfalt von technische Voraussetzungen, die interaktives und dialogorientiertes Lernen ermöglichen. Durch dieses Mehr an Interaktivität und Visionalität, durch diese All-Sense-Methode kann der Bildungsbereich effektiver und professioneller gestaltet werden. Information wird individuell aufgenommen, vermittelt und aus einem unermesslich hohen Spektrum ausgewählt. Zeit, Ort und Kosten verlieren an Bedeutung.

Das Trainerbild wird sich ändern. Als zukünftiger Lernbegleiter, Coach, Teletutor oder Moderator wird sich ein Trainer mehr denn je selbst fortbilden müssen – die Omnipräsenz und ständige Aktualisierung der Informationen zwingen ihn dazu.

Bereits heute sind die aktuellen Themen in den Personalentwicklungs- und Weiterbildungsabteilungen der Unternehmen:

  • die Weiterbildung via Internet und Intranet
  • die firmenspezifische Gestaltung der Benutzeroberfläche von Lernprogrammen
  • die Integration von Lernmedien verschiedener Hersteller in eine firmeneigene Lernplattform
  • der Aufbau tutorieller Begleitung in den Selbstlernphasen für die Mitarbeiter und
  • der Einsatz von Business-TV

Hier besteht die Frage nicht mehr darin, ob man die Mitarbeiter mit multimedialen Lernarrangements schulen soll, sondern welches Lernprogramm passend ist und welche Arten des Einsatzes am sinnvollsten sind.

Die Forderung der Zukunft lautet: Wir brauchen gebildete Mitarbeiter, die fähig sind, Gesamtzusammenhänge zu erkennen, daraus Schlüsse zu ziehen und sich damit Handlungsperspektiven öffnen. Einen möglichen Schritt dazu bildet interaktives und dialogorientiertes multimediales Lernen.

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